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Die Fragen stellte Pfarrer Cătălin Soare, Religionslehrer und rumänisch-orthodoxer Seelsorger in St. Pölten.

Wann haben Sie die Orthodoxie kennengelernt?

Ich bin in St. Pölten geboren und aufgewachsen und besuchte dort das Humanistische Gymnasium, wo ich vor allem die lateinische und griechische Sprache lernte. Eines meiner Hobbies war das Reisen. Ich benutzte oft einige freie Tage, um mit dem Fahrrad neue Städte und Sehenswürdigkeiten kennenzulernen. Vor 61 Jahren, im Jahr 1960 – ich war damals 16 Jahre alt – unternahm ich eine Fahrradreise nach Wien (60 km von St. Pölten entfernt). Ich kann mich noch genau erinnern, wie mit dem Fahrrad zufällig an der russisch-orthodoxen Kirche des hl. Nikolaus vorbeifuhr.

Die Kirche war geschlossen, aber schon das Äußere beeindruckte mich zutiefst. Ich hatte bisher in meinem Leben noch nie ein so schönes Gebäude gesehen. Erst nach mehreren Versuchen konnte ich 1961 bei einem Besuch Wiens mit der Bahn das Innere der Kirche betreten und einen Gottesdienst erleben und mit den russischen Priestern Kontakt aufnehmen. Dies war der Beginn meines Weges in die Orthodoxie. Heute bin ich davon überzeugt, dass es im Leben des Menschen keinen Zufall gibt.

Wie gestaltete sich Ihr weiterer Weg in die Orthodoxie?

Nach der Matura studierte ich Philosophie, Theologie (mit dem Schwerpunkt Theologie und Geschichte des christlichen Ostens) und Slawische Philologie an der Universität Innsbruck, in Rom am Orientalischen Institut und an der Universität Wien. Während meines Studiums unternahm ich viele Reisen in orthodoxe Länder (Griechenland, Berg Athos, Konstantinopel, Jerusalem, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, Sowjetunion und viele andere). Überall besuchte ich orthodoxe Kirchen und Klöster. 1970 kehrte ich für immer nach Österreich zurück und von da an wurde ich Lektor und Hypodiakon in der Wiener St. Nikolaus Kirche. Inzwischen war die russisch-orthodoxe Diözese für Wien und Österreich errichtet worden und die St. Nikolaus Kirche wurde Kathedrale und Bischofssitz. Ich unterrichtete eine Zeitlang die russische Sprache und viele Jahrzehnte Religionspädagogik. Nach meiner Emeritierung wirkte ich als Diakon und Priester an der Kathedrale zum hl. Nikolaus in Wien. Nach dem Tod meiner Gattin, einer Bulgarin, mit der ich fast 45 Jahre verheiratet gewesen war, empfing ich die Mönchsweihe und wurde somit Mönchspriester.

Könnten Sie kurz Ihren Einsatz für den schulischen Religionsunterricht skizzieren?

Für mich war die Einführung des schulischen Orthodoxen Religionsunterrichts in Österreich immer ein großes Anliegen gewesen. Es war uns von Anfang an klar gewesen, dass es nur ein gemeinsamer Religionsunterricht für orthodoxe Schüler und Schülerinnen aus allen Kirchen der orthodoxen Diaspora in Österreich sein konnte. Es sind dies vor allem Schüler und Schülerinnen serbischer, rumänischer, russischer, griechischer und bulgarischer Provenienz. Die Zahl der am orthodoxen Religionsunterricht teilnehmenden Schüler und Schülerinnen beträgt inzwischen schon mehr als 15.000, Tendenz steigend. Die Gründung des Orthodoxen Schulamtes für Österreich im Jahr 2005 war ein wichtiger Meilenstein für die Konsolidierung des Orthodoxen Religionsunterrichts in Österreich. Bis heute darf auch ich als Mitarbeiter des Schulamtes meinen bescheidenen Beitrag leisten. Vorbildlich ist die interorthodoxe Zusammenarbeit auf Ebene der Religionslehrer und Religionslehrerinnen und unter Beiziehung weiterer Experten bei der Erstellung der neuen Lehrpläne und neuer Lehrbücher. Der panorthodoxe Charakter des Orthodoxen Religionsunterrichts ist auch für die Schüler eine wichtige Möglichkeit einer lebendigen Erfahrung der Einheit der Orthodoxie.

Welches Verhältnis gibt es vor allem im schulischen Bereich mit anderen Konfessionen?

Die Schule ist immer ein Abbild der jeweiligen Gesellschaft. Unsere heutige Gesellschaft ist multikonfessionell und multireligiös. Daher ist auch unsere Schule heute eine multireligiöse und multikonfessionelle. Die Schule hat immer die Aufgabe, unsere Kinder und Jugendlichen für ihr künftiges Leben in der Diversität der Gegenwart vorzubereiten. Leben ist stets Zusammenleben. Um Mitmenschen anderer religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen angstfrei und respektvoll begegnen zu können, ist es notwendig, vor allem die eigene Identität gefunden zu haben. Hierin liegt eine wesentliche Aufgabe jedes konfessionellen Religionsunterrichts. Der orthodoxe Religionsunterricht soll den Schülern und Schülerinnen helfen, die Wurzeln ihres Person-Seins und den Glauben und das Leben der Orthodoxen kennenzulernen und damit ihre Identität zu finden. Andererseits sollte im Religionsunterricht auch über die andereren Konfessionen und Religionen objektiv und ohne Vorurteile informiert werden. Wo das nicht geschieht, herrscht Unverständnis und Angst vor dem sogenannten „Anderen”, was zu großen Problemen bis hin zur Feindschaft führen kann. Ein falscher Weg wäre auch ein religiöser und konfessioneller Relativismus und Indifferentismus, weil damit der wesentliche Bereich der weltanschaulichen Überzeugung ausgeblendet und nicht aufgearbeitet wird. Die eigentliche Herausforderung für den Religionslehrer und die Religionslehrerin liegt darin, für die Jugenlichen ein glaubhaftes Vorbild für den eigenen Glauben, aber auch für eine Offenheit in der Begegnung mit allen Mitgliedern unserer Gesellschaft zu sein.

Wie schafften Sie es, die Orthodoxie im Westen vorzustellen?

Ein wichtiges katechetisches Prinzip für die Einführung in die Orthodoxie ist der Weg „vom Sichtbaren zum Unsichtbaren”, „vom Leben zum Glauben”. Daher versuchte ich immer, jungen Menschen, aber auch allen Interessierten eine möglichst lebensnahe Erfahrung der Orthodoxen Kirche zu ermöglichen. Ich organisierte Exkursionen in orthodoxe Pfarrgemeinden, ich bot regelmäßig mit Studienaufenthalten kombinierte Reisen in viele orthodox geprägte Länder an. Dabei besuchten wir Gottesdienste, Kirchen und Klöster und hatten Begegnungen mit Vertretern der lokalen Kirchen. Damit sollten die Teilnehmer ein möglichst lebensnahes und realistisches Bild der Orthodoxen Kirche erhalten. Auch Schwierigkeiten und Probleme, deren es in den Heimatländern der Orthodoxie und in der Diaspora oft nicht wenige gibt, wurden offen angesprochen und diskutiert. Als Ergänzung für diesen Zugang der konkreten Erfahrung sah ich meine Vorlesungen in der Lehrerfortbildung und im Fach „Geschichte und Theologie des christlichen Ostens” an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in St. Pölten. Häufig wurde ich auch zu Vorträgen in Österreich und im Ausland eingeladen. Wichtig ist es dabei, auf Fragen über die Orthodoxie von Außenstehenden einzugehen. Von ihnen können wir viel über die Sichtweise des sogenannten „Westens” lernen.

Worin sehen Sie die Bedeutung und den künftigen Auftrag der orthodoxen Christen in der europäischen Diaspora?

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa haben die orthodoxen Christen in vielen Ländern ein höheres Selbstbewusstsein und eine neue Freiheit zurückgewonnen. Andererseits wird die Präsenz der Orthodoxen in den Ländern West- und Nordeuropas immer größer. In Österreich beträgt ihre Zahl nach Schätzungen nun schon etwa 500.000. Damit ist der orthodoxe Bevölkerungsanteil nicht mehr zu übersehen. Die orthodoxen Christen sind in dieser Situation immer mehr dazu berufen, für die christlichen Werte, für ihre Lebensweise und ihren Glauben Zeugnis abzulegen, in aller Bescheidenheit und ohne sich aufzudrängen. Dies ist besonders im „Westen“ umso bedeutsamer, da hier in der Gegenwart die Religiosität kontinuierlich abnimmt und materialistische Werte oft als das Wichtigste angesehen werden. Dieser säkulare Zeitgeist stellt uns alle vor neue Aufgaben. Für die orthodoxen Priester bedeutet das vor allem, die Gläubigen trotz dieser Entwicklungen zu stärken und ihnen neuen Mut zu geben, aber auch die Kontakte und Gespräche mit allen anderen nicht zu scheuen. Dazu ist es natürlich erforderlich, die jeweilige Landessprache gut zu beherrschen. Das orthodoxe Lebenszeugnis in der Welt von heute gilt auch in jeweils unterschiedlicher Art und Weise bereits für junge Menschen. In dieser Aufgabe soll sie auch der Orthodoxe Religionsunterricht unterstützen und ihnen die nötigen Voraussetzungen dazu vermitteln.

Welches Zitat aus der Heiligen Schrift würden Sie auswählen, da es besonders gut Ihre Tätigkeit charakterisiert?

Ich wähle das ganz kurze Zitat „Kommt und seht!” aus dem Mund Jesu Christi (Joh 1,40) aus. Jesus richtete diese Worte an die ersten zwei Jünger, die Ihm nachfolgten und näher kennenlernen und wissen wollten, wo Er wohnte. Im Johannes-Evangelium bedeutet der Begriff „sehen” nicht einfach das leibliche Sehen mit den Augen. Gemeint ist ein tiefes und inneres Sehen, das dann zum Erkennen und Glauben führt. Denselben Ausspruch finden wir kurz danach noch einmal im Johannes-Evangelium in der Einzahl: „Komm und sieh!” (Joh 1,47) aus dem Mund des Jüngers Jesu Philippus, der mit diesen Worten Nathanael einlud, Christus kennenzulernen. Für mich sind diese Worte ein Schlüsselbegriff für mein ganzes Leben geworden. Als ich 1960 vor der russisch-orthodoxen Kirche in Wien stand, hat mich unser Herr Jesus Christus gleichsam Selbst eingeladen: „Komm und sieh!” Ich konnte zum ersten Mal erkennen, dass in dieser Kirche unser Herr und Gott wohnt. Mein ganzes weiteres Leben stand ebenfalls unter diesem Leitmotiv und lag meiner Tätigkeit als Lehrer, Professor und Priester zugrunde. Ich lud mit diesen Worten gleichsam alle, denen ich begegnete, ein, Christus zu sehen und kennenzulernen. Diese Worte können auch für alle orthodoxen Christen zum Motto in ihren Kontakten mit den Mitmenschen werden..

 

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Das Buch von Pater Ioann Kramer, Orthodox leben ist hier erhältlich.

 

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