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Wort gehalten von Metropolit Serafim zur Preisverleihung des "Abt-Emmanuel-Heufelder-Preises" der Benediktinerabtei Niederaltaich, am 9. August 2021

  1. Die „Heimat der Herkunft“: Familie, Geburtsland und Volk

Jeder Mensch hat eine „Heimat der Herkunft“ oder ein „Zuhause“: Dazu gehören die Familie, in die er hineingeboren wurde, der Ort, an dem er das Licht der Welt erblickt hat, und das Volk, dem er angehört. Die Familie, das Geburtsland und das Volk verleihen dem menschlichen Dasein eine ganz eigene, bestimmte, unauslöschbare und unverwechselbare Prägung. Die Familie ist das vertraulichste Umfeld, in dem wir uns als Menschen formen, unser geographischer Geburtsort und das Volk, zu dem wir gehören, bedeuten für uns unsere Sprache, unsere Kultur, unsere Religion, unsere Erziehung und die Traditionen, in denen wir aufgewachsen sind. Die Bedeutung der Familie ist für die Bildung und Erziehung eines Menschen – vor allem in den ersten Lebensjahren – grundlegend. Im Rumänischen gibt es die Redewendung von den „Sieben Jahren zu Hause“ als jenen Jahren, in denen der persönliche Charakter geformt und ausgebildet wird. Von einem Menschen ohne Charakter heißt es: „Ihm fehlen die sieben Jahre zu Hause“! Aus der Heiligen Schrift wissen wir, dass die Völker erst aufgetaucht sind, nachdem Gott der Herr nach dem Turmbau zu Babel die Sprache verwirrt und die Menschen auf dem ganzen Erdkreis verstreut hat (vgl. Genesis 11,9).

Auch wenn es eine innere Einheit der Völker gibt, weil Gott „aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht hat“ (Apostelgeschichte 17, 26), so hat doch jedes Volk im Laufe seiner Genese eine eigene Physiognomie oder ein eigenes „Antlitz“ entwickelt: eine gemeinsame Geschichte und Sprache, eine einheitliche Kultur und eine gemeinsame Religion, die das Gefühl der Zugehörigkeit zum entsprechenden Volk vermitteln. Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der nicht einem sozialen Kollektiv angehört, das wir „Volk“ nennen. Jeder hat ein „Zuhause“: in der Familie, in die er hineingeboren wurde, in dem Land, in dem er das Licht der Welt erblickte und in der Kultur und Religion, die sein Wesen geformt und geprägt haben. Auch wenn jemand im Laufe seines Lebens durch Ansiedlung unter anderen Völkern ein neues „Zuhause“ findet, dann bleibt sein erstes „Zuhause“ doch aus seinem Wesen unauslöschlich. Jeder trägt, wo immer er sich auch befindet, in sich die Welt, die Familie und das Volk, aus denen er stammt. Der heilige Evangelist Matthäus sagt uns, dass „vor Ihm alle Völker“ zum Jüngsten Gericht versammelt werden (25, 32). Dieser Aussage haben wir zu entnehmen, dass es bis zum Ende der Welt Völker geben wird, auch wenn im Laufe der Geschichte manche verschwinden und andere sich neu herausbilden.

Wie alle anderen Völker hat auch das rumänische Volk seine eigene Genese. Es erwuchs aus der Vermischung der Urbevölkerung der Daker auf dem Gebiet des heutigen Rumänien und römischer Kolonisten, die von 106 bis 275 einen Teil des Territoriums nördlich der Donau besetzt hatten. Der Prozess der Romanisierung der Daker setzte sich auch nach dem Abzug der römischen Armeen im Jahr 275 durch die Verkündigung des christlichen Glaubens in lateinischer Sprache durch Missionare fort, die aus der Gegend südlich der Donau gekommen waren. So tauchte zum Ende des 7. Jh. ein neues Volk mit einer vornehmlich lateinischen Sprache auf, das im Rahmen seiner ethnischen Entwicklung und Nationsbildung allmählich christianisiert worden war. Die Historiker gehen davon aus, dass die Latinität und das Christentum die zwei grundlegenden Koordinaten der Genese des rumänischen Volkes darstellen. Sie sprechen vom „rumänischen Wunder“: Auch wenn die Rumänen beginnend mit dem 8. Jh. von einem Meer von slawischen Völkern umgeben waren, so haben die doch niemals ihre Identität als lateinisches Volk verloren. Gleichzeitig standen sie fortwährend unter dem Einfluss von Byzanz und bewahrten die orthodoxe ostkirchliche Tradition.

In Siebenbürgen, das 1688 zum Bestandteil des Habsburger Reichs wurde, waren die Rumänen – auch wenn sie immer die absolute Mehrheit der Bevölkerung dieser Provinz bildeten – 200 Jahre lang weder als Rumänen ethnisch-staatsbürgerlich, noch als Orthodoxe religiös anerkannt, sondern waren dem Status nach nur „toleriert“. Die drei offiziell anerkannten Ethnien waren Ungarn, Szekler und Sachsen, die vier „rezipierten“ Religionen der Katholizismus, Lutheraner, Kalvinisten und Unitarier. Die Rumänen gerieten zudem unter den Druck des Phänomens des Uniatismus, so dass ein Teil von ihnen griechisch-katholisch wurde. Jede ethnische Gruppe bzw. Volksgruppe identifizierte sich mit ihrer „Religion“ (bzw. Konfession). Die Rumänen identifizierten sich mit der Orthodoxen Kirche, von der der größte rumänische Dichter Mihai Eminescu (1850-1889), der in Wien und Berlin studiert hat, sagte, dass sie „die Mutter des rumänischen Volkes“ ist. Und in der Tat war die Kirche wie auch im Falle anderer Völker die Förderin der Sprache, der Kultur und der Künste. Die rumänische Schule (das Bildungswesen) nahm ihre Anfänge in früher Zeit in der Vorhalle der Pfarrkirchen und in den Klöstern und entwickelte sich unter dem Schutz und der Obhut der Kirche bis in die modernen Zeiten. Darüber hinaus ist die Orthodoxie tief in die rumänische Seele eingedrungen und hat diese nach den Werten des Evangeliums geformt und geprägt. Der große rumänische Theologe Dumitru Stăniloae (1903-1993) sagte einst: „Die rumänische Orthodoxie zeichnet sich durch ein besonders umfassendes Gleichgewicht aller Werte aus, welches das Wesen der Orthodoxie noch besser hervorhebt. Sie besitzt die Klarheit der Latinität und jenes dem Osten eigene Gefühl für das Geheimnis des Lebens, für den Wert der Person und die Notwendigkeit des Dienens; für das Gebet in der Stille und ein offenes Herz für den Nächsten; für die Hinwendung zu Gott und die Sorge für den Menschen.“[1]

Diese besondere Spiritualität hat aus dem rumänischen Volk ein friedliches, tolerantes und fremdenfreundliches Volk gemacht. So konnten sich auf rumänischem Boden im Laufe der Geschichte viele Volksgruppen ansiedeln – unter anderem Roma, Juden und Armenier, mit denen die Rumänen in Harmonie lebten. Der Volksmund besagt: „Unsere Erde bietet genug Platz für alle.“ In Rumänien gibt es bis heute einen echten Kult um Fremde, die unser Land besuchen. Rumänien ist ein christliches Land par excellence. Im Jahr 1992, also nur zwei Jahre nach der Befreiung von der atheistischen kommunistischen Diktatur haben sich 97 Prozent der Bevölkerung Rumäniens für Christen erklärt, 86,8 Prozent der Gesamtbevölkerung für orthodox. Lediglich 0,05 Prozent der Menschen haben sich als nicht-gläubig bzw. Atheisten deklariert. Bei den folgenden Volkszählung blieben diese religiösen Zahlen im Allgemeinen nahezu gleich. Das religiöse Gefühl ist im Wesen des Rumänen tief verwurzelt! Und das gilt auch für die anderen Volksgruppen Rumäniens wie zum Beispiel Siebenbürger Sachsen oder Banater Schwaben.   

  1. Kirche und Volk

Bei ihrer territorialen Organisation hat die Kirche auf die Lebenswirklichkeit der Völker geachtet und hat entsprechend nach dem Apostolischen Kanon 34 (5. Jh.) festgelegt

„Die Bischöfe jedes Volkes sollen wissen, dass einer von ihnen der Erste (Primus) sein müsse, und sollen ihn als ihr Haupt ansehen und weiter nichts ohne seine Zustimmung tun; nur das allein soll jeder tun, was auf seine eigene Gemeinde und die ihr untergeordneten Orte Bezug hat. Aber auch jener (der Primus, der Metropolit) darf nichts ohne die Zustimmung aller tun; denn so wird Eintracht herrschen und Gott verherrlicht werden durch Christus im Heiligen Geist.“[2]

Dieser Kanon hatte einen großen Einfluss im Christlichen Osten. So haben sich die Orthodoxen Kirchen als Lokalkirchen auf Territorien entwickelt und herausgebildet, die im Allgemeinen von ein und demselben Volk bewohnt werden.

Die Tatsache, dass die Orthodoxie kein universales Zentrum hat wie der Katholizismus, sondern lokal in Form voneinander unabhängiger bzw. autonomer Kirchen organisiert ist, vor allem aber die Tatsache, dass orthodoxe Völker hunderte von Jahren ihrer Freiheit beraubt waren und in Isolation lebten, ließen das Bewusstsein um die Universalität der Kirche zu einem großen Teil verlorengehen. Die lokale Autonomie der Orthodoxen Kirchen und ihre Identifikation mit einem bestimmten Volk schufen zugleich das Gefühl der Selbstzufriedenheit und der Isolation gegenüber den anderen Schwesterkirchen; und die besonders übertriebene Bindung an die Werte der eigenen National führte zum religiösen Phyletismus, der die Kanones der Kirche bezüglich ihrer territorialen Organisation ignoriert, besonders in der Diaspora. Der Phyletismus wurde bei der Synode von Konstantinopel von 1872 verurteilt.

Das Bewusstsein der Universalität der Kirche und ihrer ortsüberschreitenden Wirklichkeit wird viel besser in der Katholischen Kirche bewahrt, dank des römischen Zentralismus und des Fehlens der Autonomie der Ortskirchen, aus denen sie sich zusammensetzt. Trotzdem dürfen sich die lokale und die universale Dimension der Kirche nicht ausschließen. Du kannst nicht universal sein, ohne lokal verwurzelt zu sein. Gleichzeitig kannst Du Dich nicht im Lokalen verschließen und das Universale ignorieren, denn Isolation bedeutet den Tod. Die Identität der Person wie auch die Identität des Volkes müssen offene Identitäten sein. Der Mensch als Person wie auch das Volk werden durch Offenheit gegenüber anderen Personen und Völkern bereichert. Keine Person und kein Volk können sich an sich selbst genug sein. Im Blick auf die Einheit der Menschheit brauchen alle alle. Ja mehr noch: Jeder Mensch trägt in sich eine universale Verantwortung, jeder ist verantwortlich für alle und alles, was existiert.   

  1. Die Diaspora oder das Leben in der Zerstreuung

Die Geschichte kennt Völker, die über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende eine große und zahlreiche Diaspora hatten, ohne dass deren Angehörige ihre ethnische, religiöse und kulturelle Identität verloren hätten. Das Volk der Juden ist dafür zweifellos das beste Beispiel. Die Globalisierung unserer Tage bewirkt große Veränderungen und ruft Migrationsbewegungen hervor, vor allem aus ökonomischen Gründen. Millionen von Menschen verlassen ihr Herkunftsland auf der Suche nach einem besseren Leben und günstigeren Lebensbedingungen ihr und lassen sich unter anderen Völkern nieder. Selbstverständlich tragen die Emigranten immer ihr ursprüngliches „Vaterland“ im Herzen mit sich und die Integration in neue Gesellschaften und das Finden eines neuen „Zuhause“ gehen nicht ohne Schmerz und manches Leid vonstatten.

Was das rumänische Volk betrifft, so ist festzuhalten, dass sieben Millionen Rumänen, also ein Drittel der Bevölkerung des Landes, aus wirtschaftlichen Gründen emigriert sind, besonders nach Westeuropa und in die USA. Allein in Deutschland leben heute über eine Million Rumänen. Die Massenemigration der Rumänen bringt die Existenz des rumänischen Volkes selbst in Gefahr. Rumänische Dörfer, die bis vor nicht allzu langer Zeit blühende Orte waren, sind dabei auszusterben und von der Landkarte zu verschwinden. Die rumänische Industrie, die fast gänzlich nach 1990 zusammengebrochen ist, bietet nicht genügend Arbeitsplätze, die den Menschen ein Leben in Würde garantiert. Von daher rührt der Massenexodus der Rumänen.    

Im Widerspruch zu den Kanones der Kirche ist die orthodoxe Diaspora überall auf der  Welt nach ethnischen Prinzipien statt nach dem Territorialprinzip organisiert, so dass wir überall eine Überschneidung orthodoxer Jurisdiktionsgebiete auf einem und demselben Territorium festzustellen haben, was eine kanonische Anomalie darstellt. In den USA, wo die orthodoxe Diaspora seit über 200 Jahren besteht, wurde versucht, diese Situation zu überwinden durch die Gründung einer Autokephalen Orthodoxen Kirche (OCA) im Jahre 1970, die heute über 600 Pfarreien zählt; allerdings anerkennen nicht alle orthodoxen Ortskirchen diese neue Entität, die aber die einzige Lösung für dieses kanonische Problem darstellt.

Nachdem über 86 Prozent der Bevölkerung Rumäniens – wie gesagt – orthodox getauft sind, hat die Rumänische Orthodoxe Kirche für die Rumänen in Diaspora acht Eparchien gegründet. Die Bischöfen und die Priester dieser Bistümer versuchen, unter den Gläubigen den Glauben lebendig zu halten und zu kultivieren und diesen dabei zu helfen, sich in die neue Gesellschaft zu integrieren, in der sie leben. Die größte Schwierigkeit bei der Betreuung der Diaspora besteht im Mangel an geeigneten Räumen zur Feier unserer Gottesdienste sowie für Bildungsarbeit, Katechese und Gemeindetreffen. Von den rund 130 rumänischen orthodoxen Pfarreien in Deutschland besitzen nur 20 ein eigenes Gotteshaus. Die anderen Pfarreien und Gemeinden sind zu Gast in Gotteshäusern der Katholischen Kirche und der Evangelischen Kirche, denen wir für ihre Gastfreundschaft nicht genügend danken können, die sie uns erweisen. Genau dies ist wahre christliche Liebe, die offen und sensibel ist für die Bedürfnisse des Nächsten. 

  1. Das „Vaterland“ oder die Welt, in der wir leben, und die Transzendenz

Der Mensch ist als Abbild und Ebenbild Gottes für die Ewigkeit geschaffen. Das Streben nach dem ewigen Leben ist in die Natur des Menschen eingeprägt, die den Tod nicht als letzte und endgültige Wirklichkeit akzeptiert. Niemand will sterben. Auch wenn der Tod als eine natürliche Wirklichkeit erscheint, so ist er doch das unnatürlichste Phänomen im Leben des Menschen und des Universums. Dies deshalb, weil der Tod von Gott weder erschaffen noch gewollt war, sondern eine Konsequenz ist aus dem Bruch der Gemeinschaft mit Gott durch die Sünde der ersten Menschen. Der Tod als Trennung von Gott wurde von Christus durch Seinen Tod und Seine Auferstehung aufgehoben, besiegt und überwunden. So wird für die in Christus Vereinten der Tod zum Passa, also zum Übergang oder Sprung zum ewigen Leben und zur vollkommenen Vereinigung mit Gott. Ohne das irdische Leben auf welche Weise auch immer geringzuschätzen oder zu abzuwerten, zeigt uns die christliche Offenbarung, dass das irdische Leben seinen Zweck nicht in sich selbst hat: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13, 14). „Unsere Heimat ist im Himmel“ (Philipper 3,20). Oder auch: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ (Matthäus 16, 26).

Die Selbstverschließung in dieser Welt oder die leidenschaftliche Bindung an die Welt führen zum ewigen Tod. Der moderne Mensch will autonom und unabhängig sein von allem, was seine Freiheit einzuschränken scheint, vor allem gegenüber Gott. Doch die Unabhängigkeit von Gott schafft eine Abhängigkeit von Seiner Schöpfung und geschaffenen Dingen, die jedoch seinen Durst nach Ewigkeit nicht stillen können. Die wahre Freiheit finden wir nur in der Gemeinschaft mit Gott und mit unseren Nächsten. Wir können nur in Gott frei sein durch unsere Bemühung um Befreiung von den Dingen dieser Welt, die uns beherrschen. Der Herr selbst sagt: „Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.“ (Johannes 8, 34) Und die grundlegendste Sünde schlechthin ist das Vergessen Gottes und die sündhafte Bindung an dieser Welt. Die Welt soll nach dem Plan Gottes erhöht werden durch die Öffnung der Herzen, damit die Gnade Gottes sie verwandelt (transfiguriert), denn die Verwandlung ist die endgültige Bestimmung des Menschen und der Schöpfung.     

Dies ist nur möglich durch Gebet und Askese. Das konstant von Askese – also einem in jeder Hinsicht maßvollen Leben – begleitete Gebet vereint uns mit Gott, wenn es „mit geängstetem Geist und mit einem geängsteten, zerschlagenen Herzen“ (Psalm 51,19) und im Wissen um die Sünde, in der wir leben, verrichtet wird. Die Heilige Schrift und die geistliche Tradition legen großen Akzent auf das Herz, denn im Herzen konzentriert sich wie in einem Fokus das gesamte menschliche Wesen: die Vernunft, die Intuition, der Wille, alle dem Menschen eigenen psychischen und physischen Energien, sowohl die ganze Menschheit, als auch die gesamte Schöpfung. Und ebenfalls im Herzen wohnt auch die Gnade Gottes; sie entzündet in ihm durch das Gebet die Liebe zu Gott, zu den Menschen und zur gesamten Schöpfung. So erfährt der Mensch seine ontologische Einheit mit allem, was existiert. Alles lebt in unserem Herzen, wie auch in Christus, dem „universalen Menschen“, dem „totalen Adam“. Wir sind von nichts und niemand mehr getrennt, denn alles lebt in uns! „Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ein Glied“ (1. Korinther 12, 27). Denn in Christus „ist nicht Jude noch Grieche, ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau“ (Galater 3, 28), denn alle sind eins in Christus. So verstehen wir auch die Verantwortung eines jeden für alle und alles, denn „wenn ein Glied leidet, so leiden alle mit“ (1. Korinther 12, 26).             

In uns existiert eine unaufhörliche Spannung zwischen unserem ontologischen Streben nach Gott, das mit der Schöpfung in unsere Seele eingepflanzt wurde – „Du hast uns zu Dir hin erschaffen, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir!“, wie schon der heilige Augustinus sagt (Bekenntnisse I, 1,1) – und der Sünde, die unsere Dynamik auf Gott hin pervertiert und auf das Geschöpfliche hin umkehrt, also auf Leibliches und Materielles. Der heilige Apostel Paulus spricht von zwei Gesetzen, die in uns aufeinanderprallen: dem Gesetz des Guten und dem Gesetz der Sünde, von dem uns Christus befreit hat, wenn wir uns mit Ihm vereinen. Doch bis zu unserer vollendeten Vereinigung mit Christus hört das Wirken der Sünde in uns niemals auf. Nur durch Askese befreien wir uns vom Gesetz der Sünde, wie Paulus schreibt: „Ich schinde meinen Leib und bezwinge ihn, dass ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.“ (1. Kor. 9, 27)   

Die Tragödie des modernen Menschen ist es, dass er im Namen der Freiheit nichts mehr von Sünde und Askese wissen will, weil ihm das als Versklavung erscheint. Es ist deshalb so weit gekommen, weil von der Sünde vor allem in juridischen Begriffen gesprochen wurde und die Askese als Pflicht und Auflage präsentiert wurde. Im klassischen kirchlichen Sprachgebrauch bedeutet die Sünde das Übertreten des Willens Gottes und das Nichterfüllen Seiner Gebote, was den Zorn und die Strafe Gottes über den Sünder kommen lässt. Die Askese wiederum – also das Fasten, das Beten und die Selbstzügelung – werden als Pflicht oder als Mittel zur Wiedergutmachung von Sünden präsentiert. Dabei muss die Sünde eher als Zurückweisung der Gemeinschaft mit Gott verstanden werden, als Egoismus und Selbstverschließung, die zum Tode führt. Ohne das Licht des Glaubens übertritt der Mensch leicht die Gesetze, die die Schöpfung leiten und regieren, schützen und bewahren. Das Wort „Kosmos“ hat im Griechischen auch die Bedeutung von Harmonie. Im Kosmos herrscht Harmonie, weil die Sterne die von Gott in die Natur eingeschriebenen Gesetze respektieren. Im Psalm heißt es: „Der Herr gab eine Ordnung, die dürfen sie nicht überschreiten“ (Psalm 148, 6). Nur der Mensch, den die Kirchenväter einen „Mikrokosmos“ nennen, respektiert die Gesetze der von Gott in sein Wesen und die Natur eingeschriebenen Schöpfungsordnung nicht; und genau deshalb herrscht in seiner Seele, in der Gesellschaft und in der Welt mehr Chaos als Ordnung. Von daher rühren auch die Naturkatastrophen, die Krankheiten und alles Leid, das die Menschen prüft. Ein weises Sprichwort besagt: „Gott vergibt immer, die Natur vergibt nie!“

Wir Christen müssen unterstreichen, dass Gott niemals jemanden direkt bestraft, denn Er ist die Liebe! Jeder Mensch richtet sich durch seine Sünden selbst und trägt die Konsequenzen aus dem Nicht-Respektieren der von Gott in sein Wesen und die ihn umgebende Natur eingeschriebenen Gesetze. Als das Bemühen, unser Leben konform der unabänderlichen Gesetze zu führen, von denen die Schöpfung Gottes regiert wird, wird die Askese unsere wahre Freiheit als Kinder Gottes bewahren. Das bedeutet, dass wir von allem befreit sind, was uns knechtet, von allem, was uns auf leidenschaftliche Weise an diese Welt bindet. Zugleich ist die Askese ein großer Segen für die seelische und körperliche Gesundheit.

Nur in der Selbstzügelung beim Essen und Trinken und durch ein in allen Dingen maßvolles Leben können wir den Verlockungen der Konsumgesellschaft widerstehen, die uns täglich mehr in Beschlag nimmt. Wenn wir das Kreuz, also die Askese, aus dem Evangelium entfernen, dann werden wir nach einem Wort von Vater Vladimir Zielinski ein „Evangelium für fromme Konsumenten“ erhalten.  Auch der evangelische Märtyrer-Theologe Dietrich Bonhoeffer warnt vor „billiger Gnade“ als „Todfeind der Kirche“. In einer Kirche der „billigen Gnade“ findet die Welt „billige Vergebung der Sünden ohne Reue“. Diese „billige Gnade“ bedeutet „eine Rechtfertigung der Sünde und nicht eine Rechtfertigung des Sünders“. Auch der evangelische Theologe Richard Niebuhr aus den USA (1894-1962) kritisiert die moderne Theologie mit den Worten: „Ein Christus ohne Kreuz führt Menschen ohne Sünde durch ein Gericht ohne Strafe in einen Himmel ohne Gott“ (The Kingdom of God in America, 1937).            

Nachdem wir hier in einem Kloster sind, erlauben Sie mir den Hinweis, dass auch das Mönchtum eine Weltentsagung darstellt, allerdings nicht als Ablehnung der Welt als Schöpfung Gottes, die gut ist, noch von den Menschen, die auf der Welt leben, sondern als Abkehr von der Sünde, die die Harmonie der Welt zerstört. Durch die drei monastischen Gelübden der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams, die vom Gebet und von der Askese unterstützt werden, versuchen die Mönche und Nonnen, sich über die Sünde zu erheben und das Evangelium maximal zu leben, also ein Evangelium ohne Kompromisse, das ihr Leben heiligt. Und weil im Blick auf die ontologische Einheit der Menschheit und der Schöpfung jeder Mensch alle Menschen und die ganze Schöpfung in sich trägt, bedeutet die persönliche Heiligung durch das geweihte Leben gleichzeitig die Heiligung für die ganze Menschheit und die ganze Welt. Daher ist das Mönchtum eine Gabe für die Kirche und für die ganze Welt!

Schlussbemerkung

Zum Abschluss möchte ich zunächst ein Wort des heiligen Gregor des Theologen zitieren: „Ich teile alles mit Christus: den Leib, die Seele, die Nägel, die Auferstehung. Christus ist für mich mein Heimatland, meine Tugend, meine Ehre, alles!“ Ich denke, dieses Wort ist ein gutes Resümee für unser Thema: Christus, der durch die Auferstehung Verherrlichte, ist für uns Christen alles: unser Leben, unsere Familie, unser Volk, unser Heimatland. In Christus sind wir „zu Hause“, wo auch immer wir uns auf Erden befinden! Nicht umsonst heißt es auch im Psalm: „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.“ (Psalm 24, 1)     

Der zu den „Apostolischen Vätern“ gerechnete Diognetbrief bringt schon früh all diese Zusammenhänge auf den Punkt, wenn es dort heißt:

„Die Christen nämlich sind weder durch ein Land noch durch eine Sprache noch durch Sitten von den übrigen Menschen verschieden. Denn weder bewohnen sie irgendwo eigene Städte, noch bedienen sie sich irgendeiner abweichenden Sprache, noch führen sie ein auffälliges Leben. (…)

Sie bewohnen vielmehr griechische und auch barbarische Städte, wie immer es einen jeden traf, und sie folgen den einheimischen Sitten in Kleidung und Essen und in der übrigen Lebenspraxis, und sie legen anerkanntermaßen eine wunderbare Beschaffenheit ihrer Lebensführung an den Tag. Sie bewohnen jeder sein Vaterland, aber wie Nichtbürger; sie haben an allem Anteil wie Bürger, und alles erdulden sie wie Fremde. Jede Fremde ist für sie Vaterland, und jedes Vaterland Fremde. Sie heiraten wie alle und bekommen Kinder; aber sie setzen die Neugeborenen nicht aus. (…) Sie existieren ‚im Fleisch‘, aber sie leben nicht ‚nach dem Fleisch‘. Auf Erden weilen sie, aber im Himmel haben sie Bürgerrecht. Sie gehorchen den erlassenen Gesetzen, und mit der ihnen eigenen Lebensweise überbieten sie die Gesetze.“ (Diognetbrief 5, 1-10)[3]    

Eine wunderbare Zusammenfassung und Beschreibung des christlichen Lebens zwischen Himmel und Erde, zwischen irdischer Heimat und ewiger Transzendenz, zwischen der jetzigen und der künftigen Welt, zwischen Alltag und Eschaton. Wir Christen leben in der Welt und sind doch nicht von der Welt. Unsere irdische Heimat und unsere ewige Heimat gehören für uns zusammen. So leben und erleben wir als Christen Heimat und Transzendenz.

† Metropolit Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa

Niederalteich, 9. August 2021

 

[1] Zit. bei Metropolit Serafim, Hesychasmus. Rumänische Tradition und Kultur, aus dem Rumänischen und Französischen übersetzt von Hans Glaser, Würzburg 2003, S. 24.

[2] Heilige Kanones der heiligen und hochverehrten Apostel. Zusammengestellt, übersetzt und eingeleitet von Anargyros Anapliotis, St. Ottilien 2009 (=Liturgische Texte und Studien 6), S. 43.

[3] Diognetbrief, S. 311 f., in: Die Apostolischen Väter. Griechisch-deutsche Parallelausgabe, neu übers. und hrsg. Von Andreas Lindemann und Henning Paulsen, Tübingen  1992, S. 304-324.

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