S. E. Metropolit Serafim – Osterpastorale 2015

„Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes“ (Römer 12,2)

 

Ehrwürdige Väter und geliebte Gläubige,

Christus ist auferstanden!

Wir entbieten Gott unseren Dank und unsere Anbetung dafür, dass Er uns wieder in Frieden das Große Hochfest der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus erreichen und feiern lässt. Nachdem wir uns mit Fasten und im Gebet sowie durch das Bekennen unserer Sünden im Sakrament der Beichte vorbereitet haben, feiern wir heute die Auferstehung des Herrn, durch die Er den Tod als „letzten Feind des Menschen“ besiegt hat (vgl. 1. Korinther 15,26), den Menschen die Vergebung der Sünden geschenkt und ihnen allen den Weg zum Reich Gottes eröffnet hat. Denn „wenn Christus nicht auferstanden ist, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden“, sagt der heilige Apostel Paulus (vgl. 1. Korinther 15,17).

Wir glauben fest an die Auferstehung Jesu, die unsere tägliche Auferstehung aus den Sünden und Versuchungen ist, die uns bedrücken, und nach dem Tod des Leibes unsere ewige Auferstehung. Wir spüren jeden Tag aufgrund der Schwierigkeiten und Versuchungen, die wir erleben, wie der Elan unseres Lebens abnimmt, so als ob wir schrittweise ein wenig sterben; aber wir spüren auch, wie wir sofort auferstehen, wenn wir zu Gott beten, Schmerz und Leid so überwinden und unser Leben sich erneuert. Dies ist das Wunder der Auferstehung des Herrn, die nicht nur ein historisches Ereignis von vor 2000 Jahren ist, sondern eine permanente Wirklichkeit, die gegenwärtig ist in unserem Leben und die uns aus Unglück und Leiden rettet – so schwer diese auch sein mögen – und uns schließlich auch vom Tode rettet, wenn wir uns darum bemühen, mit Christus eins zu werden. Die Kraft der Auferstehung in unserem alltäglichen Leben wird zuerst dadurch deutlich, dass wir mutig sind in unserem Kampf mit den Versuchungen des Lebens und Geduld zeigen in den Leidenserfahrungen und Schwierigkeiten des Lebens, bis wir diese allmählich überwinden.

Ein Lied aus dieser heiligen Nacht der Auferstehung besagt „Heute ist alles erfüllt von Freude: der Himmel und die Erde und alles was darinnen ist“. Unsere Seelen, Himmel und Erde und die ganze Schöpfung Gottes – alles ist jetzt voll der Freude über die Auferstehung, die in uns und in der Welt bleibt, solange wir Christus in unserem Herzen haben. Unser ganzes Leben kann Tag für Tag und Stunde für Stunde ein unablässiges Pascha (d.h. Ostern) sein, wenn wir uns darum bemühen, den lebendigen Christus im Gebet in unseren Seelen zu tragen. Und das Zeichen, dass der Auferstandene Christus in unserer Seele ist, ist vor allem die Freude und der Friede, die wir in uns haben und die uns niemand nehmen kann. Der heiligen Apostel Paulus fragt: „Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oderVerfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?“ Und er selbst antwortet: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben (…) noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ (Römer 8, 35–39). Wenn wir uns ablenken und in Trauer versetzen lassen, bedeutet dies, dass wir Christus vergessen haben, Der seit der Taufe im Verborgenen in uns wohnt, und dass wir den negativen Gedanken, der Entmutigung oder der Hoffnungslosigkeit zur Beute gefallen sind, die unserem Geist und unserer Seele vom Bösen eingeflößt werden. Diese vom Teufel kommenden Gedanken trüben und belasten unser Leben. Daher dürfen wir keinen negativen Gedanken akzeptieren, sondern nur gute und reine Gedanken, die von Gott kommen. Vergessen wir nicht, dass jeder Gedanke aufgeladen ist von einer positiven Energie, wenn der Gedanke positiv ist, bzw. von einer negativen, wenn es ein böser Gedanke ist. Der Einfluss der Gedanken auf unser Sein und die Auswirkungen auf unsere Nächsten sind besonders groß: gute Gedanken erheitern unser Wesen, geben uns Mut und Geduld im Kampf mit den Schwierigkeiten des Lebens, während böse Gedanken unser Leben versklaven und pervertieren, uns permanent verwirren und quälen. Wenn wir immer gute Gedanken haben gegenüber jenen, die uns hassen oder uns nichts Gutes wollen, dann werden wir sie allmählich für uns gewinnen, weil jeder gute Gedanke, selbst wenn er nicht ausgedrückt wird, diese zum Guten hin beeinflusst.

Unsere geistlichen Väter, die große Erfahrung hatten im Blick auf den Einfluss der Gedanken, lehren uns, auf jeden Gedanken zu achten, der in unserem Verstand aufkommt und nur gute Gedanken aufzunehmen, damit unser Leben immer heiter sei und wir Frieden und Freude in der Seele haben. Vater Thaddäus (Tadej) Štrbulović, Archimandrit des Klosters Vitovnica in Serbien († 2003), der die Menschen sein ganzes Leben lang lehrte, auf ihre Gedanken Acht zu haben, wiederholte immer wieder den Satz und die Aussage: „Wie deine Gedanken sind, so ist auch dein Leben“. So lautet auch der Titel eines seiner Bücher, das auch ins Rumänische übersetzt ist. Wenn du dich bemühst, stets gute Gedanken zu haben, wirst du ein guter und glücklicher Mensch sein, wenn du aber böse Gedanken akzeptierst, wirst du ein stets unzufriedener und unglücklicher Mensch sein! 

Alle unsere geistlichen Väter sprechen auch über einen „Kampf der Gedanken“, den jeder von uns kennt, wenn wir aufmerksam sind für die Bewegungen unseres Verstandes. Der Himmel ist voller guter Geister, aber auch böser Geister, die an der Pforte unseres Verstandes vorstellig werden, um in der Form von Gedanken aufgenommen zu werden. Ein gläubiger Mensch wird keinen bösen Geist oder Gedanken in seinen Geist eindringen lassen, sondern nur die guten. Wenn wir in unseren Geist Gedanken des Unglaubens haben, des Hasses und der Rache, des Stolzes, der Genusssucht, der Zügellosigkeit, der Hyperkritik und des Urteilens über den Nächsten, des Streits, der Undankbarkeit mit dem, was wir haben, der Lüge, der Angst und der Hoffnungslosigkeit, die auch Zustände böser Geister sind, wenn wir also solche Gedanken haben, dann werden wir leicht besiegt von diesen bösen Geistern und werden viel zu leiden haben. Wie unglücklich werden die armen Menschen sein, die von solchen Leidenschaften beherrscht werden, die sich in ihnen eingenistet haben, ausgehend von den bösen Gedanken, die sie akzeptiert haben und an die sie sich gewöhnt haben! Bis heute klingen mir die Worte von Vater Cleopa aus dem Kloster Sihastria in der Moldau († 2009) im Ohr, der die in großen Mengen vor seiner Mönchszelle versammelten Gläubigen lehrte: „Seid wachsam über eure Gedanken, damit nur gute Gedanken in euren Geist und in euer Herz eindringen. Wenn ihr böse Gedanken aufnehmt, werden diese euch mit der Zeit allmählich quälen bis ihr nicht mehr wisst, wie ihr sie wieder loswerdet!“ Und Vater Cleopa sagte weiter, dass „die Heiligen die bösen Gedanken ‚Ameisen-Löwen‘ nennen, denn am Anfang haben diese Gedanken die Macht einer Ameise, aber nachdem du dich an sie gewöhnst, werden sie die Kraft eines Löwen haben“.

Eine weitere große Versuchung, die unseren Seelenfrieden und unsere Glückseligkeit stört, ist jene der zu vielen Sorgen, die wir uns machen. Das Leben von niemand von uns ist leicht. Wir werden täglich mit aller Art von Problemen konfrontiert, die wir bewältigen müssen, welche viel seelische Energie von uns verlangt. Häufig fühlen wir uns erschöpft. Daher müssen wir oft nach dem Beistand Gottes rufen, Der unser Unglück und unser Leid kennt und der einzige ist, Der uns wirklich helfen kann. Der Lebensmut und -elan sind göttliche Energien, die uns erneuern und sich dann in uns vermehren, wenn wir zu Hause, bei der Arbeit, unterwegs und überall beten, vor allem aber, wenn wir zur Kirche gehen und gemeinsam mit unseren Nächsten beten. In der Kirche hören wir auch auf das Wort Gottes, das voller guter Lehren ist für unser alltägliches Leben. Unser Erlöser Jesus Christus leitet uns an, unser Leben nicht mit Sorgen für den morgigen Tag zu beschweren, sondern all unsere Sorgen auf Gott zu werfen und uns in allem Seiner Fürsorge anzuvertrauen. Denn Gott trägt Sorge um jedes Geschöpf, umso mehr um den Menschen, der nach Seinem Ebenbild geschaffen ist. „Sorgt nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ (Matthäus 6, 34) Dies bedeutet nun nicht, dass wir uns nicht nach Notwendigkeit Pläne machen dafür, was wir in Zukunft machen müssen. Aber jeden Plan und jeden Gedanken, den wir uns machen, sollen wir Gott anvertrauen und zu Ihm beten, dass Er diese nach Seinem Willen erfüllen möge, nicht nach unserem Willen. Sonst belastet uns der Gedanke an morgen umsonst den heutigen Tag. So sagt auch Vater Thaddäus: „Der Mensch ist ein rationales Wesen, geschaffen von Gott, um die Beschwernis eines Tages zu ertragen“. Wir sollen also nicht unseren heutigen Tag mit der Sorge um morgen und die Zukunft belasten, denn dann werden wir von zu vielen Bürden belastet werden.

Geliebte Gläubige,

die Heilige Synode unserer Kirche hat das Jahr 2015 zum „Ehrenjahr der Mission der Pfarrei und des Klosters in der Gegenwart“ sowie zum „Gedenkjahr des heiligen Johannes Chrysostomos und der großen Seelenhirten aus dem Bistum“ erklärt. Wir sind alle gefordert und gerufen, uns in der Mission der Pfarrei zu engagieren, zu der wir gehören, und alle zur Stärkung der Pfarrei beizutragen, indem wir unseren Priester als geistlichen Vater in seinem liturgischen Dienst und seinem sozialen Wirken für bedürftige Nächste unterstützen. Der heilige Johannes Chrysostomos spricht hier von dem „Sakrament des Altars“ und dem „Sakrament des Nächsten“, die nicht voneinander zu trennen sind. Wir dienen am Altar, aber wir dienen auch den Brüdern in Not. Alle Gläubigen der Pfarrgemeinde sind Missionare mit dem Priester an der Spitze; alle sind gerufen, Christus mit ihrem Glaubensleben zu bezeugen, mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Demut, mit ihrer Unterstützung der Pfarrei in den verschiedenen Projekten, die sie hat. Die Pfarrgemeinde ist eine geistliche Familie, die durch die Liebe und das gute Verstehen untereinander geprägt und vereint ist, die sich gegenseitig und auch anderen helfen. Ein guter Gläubiger ist ein Missionar, beginnend mit seiner Familie, in die er fortwährend den Geist der Kirche zu bringen bemüht ist, also Frieden und gutes Verstehen, um alle für Christus zu gewinnen. Vor allem die Kinder erwarten das gute Beispiel der Eltern, also ihre Liebe und ihre Güte, ihr Gebet und ihre Geduld in Leidenserfahrungen und Unglücksfällen. Wir können die Kinder, auch die älteren, nur durch unsere eigene Milde und Güte zu Christus ziehen. Und damit wir selbst mild und gütig sind, brauchen wir alle – Priester wie Gläubige – viel Gebet und viel geistliche Anstrengung. Zur Stärkung des geistlichen Lebens in der Pfarrgemeinde lege ich Euch ans Herz, Unterrichtsstunden für Kinder, Jugendtreffs und Familienbegegnungen zu organisieren sowie Pilgerfahrten zu den Klöstern in unserem Land und zu Heiligen Stätten durchzuführen. Vom 4. bis 7. September 2015 wird es in Klausenburg/Cluj Napoca eine große internationale Versammlung der orthodoxen Jugend Europas gebe; ich würde mich freuen, wenn auch aus unserer Metropolie möglichst viele junge Menschen teilnehmen würden.

Ich danke Ihnen allen für Ihr Engagement im Gemeindeleben und für Ihre Unterstützung der Projekte zum Bau und zum Schmücken der Kirche wie auch für das Projekt „Burse pentru copii săraci din Moldova“ („Stipendien für arme Kinder aus der Moldau“) und wünsche Ihnen, dass Sie das Heilige Hochfest der Auferstehung des Herrn in Frieden und mit Freude begehen und feiern. Ich rufe den Segen des Herrn auf Euch alle herab, Eltern und Kinder, junge Menschen und alte Menschen, und versichere Euch, dass ich unablässig für Euch zu Christus, dem von den Toten Auferstandenen Herrn, beten werde, Dem allein Ehre und Lobpreis und Anbetung zukommt!                   

Christus ist auferstanden!

Serafim

Erzbischof und Metropolit

 

(Übersetzung: Pfarrer Dr. Jürgen Henkel, Selb-Erkersreuth)