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Märtyrer des Kommunismus zwischen Gulag und gesellschaftlichem Gedächtnisschwund

 Bei einem hochrangig besetzten Symposion in Jassy beschäftigt sich die Rumänische Orthodoxe Kirche mit Märtyrern des Kommunismus. Neue Gedenkstätten stellen sich vor

 Von Jürgen Henkel

 Jassy/Iaşi. Lange Jahre hat sich die Rumänische Orthodoxe Kirche mit der Vergangenheitsbewältigung schwer getan. Die Erinnerung an die eigenen durchaus zahlreichen Märtyrer aus kommunistischer Zeit – die Zahl inhaftierter Priester, Mönche und Laienchristen geht nach seriösen Schätzungen in die tausende, belegt sind etwa 2000 Priester in politischer Haft – wurde überschattet durch Fälle von Kollaboration zwischen Kirchenvertretern und dem Staat. Der aus manchen Kreisen schnell zu hörende Hinweis auf diese Beispiele der Kollaboration erschwerte bisher eine offensive Auseinandersetzung der Kirche mit jener Zeit und ihrer eigenen Vergangenheit.

 Wobei alle staatlich anerkannten Kultusgemeinschaften zur Aufrechterhaltung ihres religiösen Lebens mit dem Staat kooperieren mussten. Auch von „Sachsenbischof“ Albert Klein, den ungarischen Bischöfen Áron Márton, László Papp, Paul Szedressy oder Gyula Nagy, Chefrabbiner Moses Rosen und Mufti Mehmet Iakub sind glühende Glückwunschtelegramme in der Festschrift zum 60. Geburtstag des großen „Conducators“ Nicolae Ceauşescu  zu lesen (Omagiu Preşedintelui Nicolae Ceauşescu, Bukarest 1978, S. 171-173).

 Die Geschichtserinnerung und die Vergangenheitsbewältigung des 20. Jahrhunderts läuft in Rumänien wie die Diskussion fast jedes historischen Themas genauso selektiv und subjektiv ab. Nachdem man sich über die Interpretation des Totalitarismus nie wirklich einigen konnte, gibt es bisher auch keine zentrale Gedenkstätte des Kommunismus in Rumänien wie etwa das „Haus des Terrors“ in Budapest. Lange war das – historisch, pädagogisch wie museal eindrucksvoll gestaltete – „Memorial Sighet“ in Sighetu Marmaţiei die einzige Gedenkstätte. Jetzt sprießen – auf private oder kirchliche Initiative hin – so manche Gedenkstätten auch in Rumänien langsam aus dem Boden, etwa in Großwardein/Oradea, Gherla und Piteşti. Sie erinnern an die Politkerker, Haftbedingungen und Foltermethoden jener Zeit.

 Im Rahmen der fünften Auflage des „Stăniloae-Syposions“ zum Gedenken an den großen rumänischen orthodoxen Theologen Dumitru Stăniloae (1903-1993) in Jassy/ Iaşi beschäftigten sich in diesem Jahr in der moldauischen Metropole vier Tage lang über 20 Experten aus dem In- und Ausland unter dem Thema „Das Martyrium und die Erinnerung an das kommunistischen Rumänien“ mit den Märtyrern der Orthodoxen Kirche und der Erinnerungskultur. Es handelte sich um die erste so hochrangig besetzte Tagung zu diesem Thema in der Rumänischen Orthodoxen Kirche, die vom moldauischen Metropoliten Teofan (Savu) und dem Dekan  der Theologischen Fakultät Jassy, Ion Vicovan, initiiert, befürwortet und gefördert wurde.

 Veranstaltet wurde die Konferenz von der Metropolie der Moldau und Bukowina sowie der Theologischen Fakultät „Dumitru Stăniloae“ und der Universität Alexandru Ioan Cuza aus Jassy. Als Kooperationspartner fungierten unter anderem das Institut für Erforschung der Verbrechen des Kommunismus und die Erinnerung an das Rumänische Exil (Bukarest) und das Staatssekretariat für Kultusangelegenheiten. Neben Ex-Außenminister Teodor Baconschi, dem Präsidenten des Instituts für die Erforschung der Verbrechen des Kommunismus, Radu Preda, und ehemaligen politischen Häftlingen wie dem Mitglied der Rumänischen Akademie Alexandru Zub oder Octav Bjoza, dem Präsidenten der Vereinigung der früheren politischen Häftlinge Rumäniens, referierten zahlreiche weitere Experten aus dem In- und Ausland.  Zum Programm gehörte auch eine festliche „Göttliche Liturgie“ mit einer Andacht zum Gedenken an die Märtyrer der kommunistischen Zeit.  

 Breiten Raum nahmen die Frage nach der Situation der Kirche im Kommunismus und die Rolle des „roten Patriarchen“ Justinian, der von 1948 bis zu seinem Tod 1977 amtierte, ein. Zeitzeugen, Historiker und Theologen warnten vor mancher Verharmlosung der Diktatur angesichts phasenweise relativer Freiheit der Kirche, gleichzeitig aber auch vor dem oft zu pauschal erhobenen Vorwurf der Kollaboration an die Adresse der Orthodoxen Kirche. Metropolit Teofan machte deutlich, dass die Kirchen einerseits überwacht, unterwandert und verfolgt waren, gleichzeitig aber das kirchliche Binnenleben sich relativ ungestört entfalten durfte. „Der Staat hat die Kirchen unterdrückt, gleichzeitig aber Pfarrergehälter mitbezahlt.“

 Unter dem suggestiven Titel „Schach dem Patriarchen“ bot der Historiker und  Byzantinist Matei Cazacu vom Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) aus Paris Einsichten in das Innenleben des Patriarchats zu Zeiten von Patriarch Justinian. Sein Vater war viele Jahre Büroleiter bei Patriarch Justinian. Er hielt fest: „Die Versuche, den Patriarchen zu überwachen und zu kontrollieren, richteten sich in erster Linie auf sein direktes Umfeld und Menschen, denen er voll vertraute  und mit denen er sich beriet: seinen Beichvater, den Metropoliten Tit Simedrea, die Mönche Valeriu Anania, Andrei Scrima und Archimandrit Benedict Ghiuş und meinen Vater. Weil diese aber nicht als Informanten rekrutiert werden konnten, kam es zu brutalen Repressionen: Verhören, Verhaftungen, Prozessen und Verurteilungen.“ Diese zweite große Verfolgungswelle nach 1948 und 1949 fand ihren Ausdruck in den politischen Prozessen von 1958 und 1959. 

 Diese Prozesse galten auch der Zerschlagung der Bukarester Gebetsbewegung „Rugul aprins“ („Brennender Dornbusch“), die seit Mitte der 40er Jahre orthodoxe Regimegegner versammelte. Auf diese Gebetsbewegung, wie auch die Partisanenbewegung in den Karpaten, die von einzelnen Klöstern unterstützt wurde, kamen mehrere Referenten zu sprechen. Zu dieser besonderen Form des Widerstands hat Igor Nacu in der angesehenen und keineswegs orthodoxer Propaganda verdächtigen Züricher Zeitschrift „Glaube in der 2. Welt/G2W“ in einem vielbeachteten Beitrag hingewiesen (Kollaboration und Widerstand, in: G2W, 31. Jg./2003, S. 19-21). Das Problem ist freilich, dass Forschungen zu diesem Thema bis heute schwierig sind, weil schriftliche Quellen schlicht nicht vorhanden sind. Die Partisanen führten keine Dienstpläne oder Tagebücher des Widerstands.

 Der orthodoxe Theologe und Präsident des Instituts zur Aufarbeitung der kommunistischen Verbrechen in Rumänien, Radu Preda, selbst ein kritischer Geist in seiner eigenen Kirche, betonte die unterschiedlichen Formen der Opposition. Er unterstrich: „Der Widerstand kannte zahlreiche und ungewöhnliche Formen und manifestierte sich in unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichen Milieus: vom Mönchtum zur kirchlichen Hierarchie und vom Gemeindeleben vor Ort bis zu Glaubenserfahrungen in politischer Haft. Die Schwelle zwischen physischer Gefangenschaft und innerer Freiheit war häufig spektakulär. Nicht zuletzt bestand der Widerstand auch häufig darin, sich nicht verbiegen zu lassen.“

 Dass die Erinnerungskultur in Rumänien an Konturen und Stätten gewinnt, wurde bei dem Symposion markant deutlich. Vier Initiativen stellten sich vor. Maria Axinte präsentierte als Initiatorin des „Memorial Gefängnis Piteşti“ Anliegen und Gestaltung der Gedenkstätte in dem ehemaligen Gefängnis, das für die „Hölle von Piteşti“ besonders traurige Berühmtheit erlangte. Sie sieht vor allem die Jugend als Adressaten der Gedenkstätten: „Es geht hier um Erinnerungskultur und einen Kampf gegen das Vergessen“, so die junge Wissenschaftlerin. Solche Gedenkstätten erinnern an die  Märtyrer des Kommunismus zwischen Gulag und gesellschaftlichem  Gedächtnisschwund.

 Die Museologin Cristina Liana Puşcaş aus Großwardein präsentierte die Ausstellung „Widerstand und Repression im Kreis Bihor“. Ihre Kollegin Eva Giosanu vom orthodoxen Erzbistum Jassy zeigte, wie das völlig neu gestaltete dortige Bistumsmuseum konfessionsübergreifend Märtyrer der politischen Verfolgung des 20. Jahrhunderts würdigt und dabei auch selbstkritische Eindrücke vermittelt. So ist auf einem Fresko zu sehen, wie politische Häftlinge hinter Gittern Patriarch Justinian um Hilfe anflehen. Dessen Rolle zwischen Kooperation und Kompromissen zur Rettung des kirchlichen Lebens und Anpassung zum nackten Überleben der Kirche wird noch Gegenstand von Forschungen sein. Der Priester Grigore Benea vom Erzbistum Vad, Feleac und Cluj schließlich präsentierte Pläne für eine Gedenkstätte in Gherla. 

 Der frühere Leiter der Evangelischen Akademie Siebenbürgen/EAS, Pfarrer Dr. Jürgen Henkel, zeigte auf, wie der große Theologe Dumitru Stăniloae unter den Bedingungen des Totalitarismus eine „Theologie von Weltrang“ geschaffen habe. Er betonte: „Die Existenz der Christen spielt sich immer zwischen zwei Polen ab: dem gelebten Glauben versus religiöser Indifferenz, toleriertem oder gefördertem Glauben versus Unterdrückung,  gesellschaftlicher Akzeptanz versus öffentlicher Feindseligkeit gegenüber Kirchen und Christen sowie Leben in Religionsfreiheit versus einem Leben in Diktatur oder Verfolgung.“

 Henkel zeichnete nach, wie der christliche Gottesdienst selbst ein kritisches Potenzial gegenüber jeder Form des Totalitarismus beinhalte. „Jeder trinitarische Segen stellt den Menschen in ein anderes Wertesystem als das der herrschenden politischen Ideologie. Jedes Gloria ist eine Kritik an der Selbstverherrlichung und dem politischen Kult für die Partei, die Führer und das Regime, weil es Gott allein die Ehre gibt. Jedes Kyrie zeigt, dass unser Heil nicht von Menschen, einem politischen System oder einer Partei kommt, sondern von Gott, weil er der Schöpfer des Himmels und der Erde ist. Jedes Vaterunser zeigt, dass Christen das Heilsnotwendige und das  Lebensnotwendige von Gott erhoffen, erwarten und erbitten, nicht von einer weltlichen Macht.“

 Die Konferenz von Jassy zeigte in aller Schärfe die Themen und Herausforderungen der künftigen Debatte. Der Historiker George Enache aus Galatz/Galaţi hob hervor, dass es keine kohärente Überlebensstrategie der Orthodoxen Kirche gegeben habe und sich das Leben und Überleben der Kirche zwischen Widerstand, Kompromiss und Anpassung abgespielt habe. Enache hat vielbeachtete Studien über die Orthodoxe Kirche als Zielobjekt der Securitate veröffentlicht. Er benannte die „offizielle Kirche“ und die „Kirche der Katakomben“ als Lebensformen der Kirche im Totalitarismus.  Der frühere Kultus-Staatssekretär Laurenţiu Tănase beleuchtete, wie das kommunistische Regime versuchte, die in Rumänien starke Religiosität in eine „dem totalitären Regime nützliche desakralisierte Religiosität zu transformieren“. 

 Die Zeit ist also reif für die Diskussion auch in der Rumänischen Orthodoxen Kirche. Dabei sollten Verfolgung und Verstrickung, Widerstand und Kollaboration gleichermaßen objektiv, unaufgeregt und faktenorientiert aufgearbeitet werden. Mit Hierarchen wie Metropolit Teofan und Theologen wie Radu Preda an Schaltstellen der Erinnerungskultur besteht nun eine echte Chance dafür. Westliche Belehrungen sollten an dieser Stelle durchaus unterbleiben. Eine Selbstidentifikation wie die der Evangelischen Kirche in der DDR, die selbst „Kirche im Sozialismus“ sein wollte, findet man in der Rumänischen Orthodoxen Kirche nicht. Sie schaffte es vierzig Jahre lang Kirche zu bleiben trotz Sozialismus.

 

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