Metropolit Serafim: 120 Jahre rumänisch-orthodoxes Gemeindeleben in Österreich (Wien, 14.04.2026)

Wort Seiner Eminenz, des Metropoliten Serafim, gehalten am 14. April 2026 anlässlich des 120. Jahrestages der Gründung der ersten rumänisch-orthodoxen Pfarrei in Österreich.

Verehrte Gäste,

liebe Schwestern und Brüder,

Christus ist auferstanden!

Im Namen der rumänischen  orthodoxen Pfarrgemeinde „La Sfânta Înviere“ – „Zur Heiligen Auferstehung” von Wien danke ich Ihnen herzlich für die Annahme unserer Einladung zur Teilnahme an diesem Festakt zum 120. Jahrestag der Gründung dieser Pfarrei. Nach der 1853 gegründeten rumänischen orthodoxen Pfarrgemeinde „Sfânții Arhangheli Mihail și Gavriil“ – „Heilige Erzengel Michael und Gabriel” im Pariser Stadtviertel „Quartier Latin” ist die Gemeinde „La Sfânta Înviere“ in Wien die zweitälteste rumänische Gemeinde in der europäischen Diaspora hinsichtlich ihres Alters und die zweitgrößte hinsichtlich ihrer Mitgliederzahl. Die beiden europäischen Kulturhauptstädte Paris und Wien üben seit jeher eine starke Anziehungskraft auf Rumänen aus: Paris aufgrund der sprachlichen Verwandtschaft und Wien aufgrund der geographischen Nähe sowie der Tatsache, dass Siebenbürgen, Banat und Bukowina über 250 Jahre lang Teil des österreichischen Kaiserreichs waren, was die rumänische Seele nachhaltig geprägt hat. Waren die wenigen rumänischen orthodoxen Gläubigen der beiden Gemeinden in Paris und Wien früher hauptsächlich Studenten und Akademiker, so hat sich ihre Zahl nach Rumäniens Beitritt zur Europäischen Union stark erhöht; ihnen schließen sich nun auch Arbeitskräfte aus allen Berufsbranchen an. In einem kürzlich erschienenen Buch präsentieren Pfarrer Dr. Nicolae Dura und Dr. Ioan Rus die Biografien von über 400 rumänischen Persönlichkeiten, die zwischen 1683 und 1918 in der Kaiserstadt Wien ihre Ausbildung oder ihr Studium absolvierten und dort lebten.

Rumänen integrieren sich im Allgemeinen problemlos in die neuen sozialen Strukturen der Länder, wohin sie emigrieren, und leisten einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaft dieser Länder. Die Aufgabe der Kirche besteht darin, ihnen zu helfen, ihren Glauben und ihre kulturelle Identität zu bewahren, ohne sie dadurch in ethnische oder religiöse Ghettos einzuschließen. Jeder Mensch hat seine eigene Identität, geprägt von seiner Muttersprache, Religion, Kultur und den Traditionen seines Landes. Ebenso hat jedes Volk seine eigene Identität. Es gibt keine zwei identischen Menschen oder Nationen. Doch kein Mensch und keine Nation genügt sich selbst, denn Gott hat den Menschen zur Gemeinschaft mit seinen Mitmenschen geschaffen. Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen. Jeder Mensch und jede Nation bereichert sich, indem er oder sie sich anderen Menschen und Nationen öffnet. Fast 90 % der Rumänen sind orthodox getauft. Die Orthodoxie hat über die Jahrhunderte ihr Wesen und ihre Mentalität geprägt. Die Rumänen sind ein friedliches und sehr gastfreundliches Volk. Rumänische Gastfreundschaft ist wahrhaft sprichwörtlich. Ausländer, die Rumänien besuchen, sind von dem herzlichen Empfang begeistert. Im Laufe der Geschichte haben sich viele Ausländer auf dem Gebiet des heutigen Rumänien angesiedelt, unter anderem  Deutsche, Armenier, Juden und Roma. Die Roma-Gemeinschaft in Rumänien ist die größte aller europäischen Länder. Die Rumänen gelten zudem als sehr frommes Volk. Nach dem Fall des Kommunismus bezeichneten sich bei der ersten Volkszählung 1992 nur 1 % der rumänischen Bevölkerung als Atheisten oder konfessionslos. Und das nach 45 Jahren atheistischer Diktatur! Die biblisch und patristisch geprägte orthodoxe Spiritualität entspricht dem existentiellen Bedürfnis des Menschen nach Verinnerlichung und Harmonie seiner inneren Kräfte, die sich wie ein Brennpunkt im Herzen sammeln. Deshalb nennen wir sie „Spiritualität des Herzens“. Der Mensch ist, den Kirchenvätern zufolge, ein Mikrokosmos. Das bedeutet, dass in seinem Herzen die gesamte Menschheit und das ganze Universum konzentriert sind. Das menschliche Herz ist zudem Gottes bevorzugter Ort.

Zweifellos hat Gott einen Plan für jeden Menschen in der Geschichte. Wenn heute Millionen orthodoxe Rumänen in der Diaspora leben und Millionen anderer orthodoxer Griechen, Russen, Serben, Bulgaren – alle auf der Suche nach einem besseren Leben – ihre Heimat verlassen haben, glauben wir, dass Gott auch für sie einen Plan auf spiritueller Ebene hat. Das Zusammenleben mit Glaubensgeschwistern anderer Ethnien und Konfessionen schafft unweigerlich eine Symbiose des Denkens und Fühlens, die jeden bereichert. Ich selbst erfahre, wie sehr mich der Kontakt mit meinen Glaubensgenossen anderer Konfessionen bereichert hat. Ohne meine eigene Identität zu verlieren, im Gegenteil, ich habe sie durch das, was ich von anderen erhalten habe, bereichert, so wie, wie ich glaube, auch andere etwas Positives von mir mitnehmen konnten. Ich bin überzeugt, dass von den orthodoxen Christen, die jahrhundertelang isoliert von den westlichen Christen gelebt haben, jene, die heute im Westen leben, offener sind und das große Drama der christlichen Spaltung besser wahrnehmen.

Die Orthodoxie ist integrativ und nicht exklusiv. Sie definiert sich nicht mehr durch die Abgrenzung von anderen Christen, wie es aufgrund des konfliktreichen historischen Kontextes zwischen Ost und West jahrhundertelang der Fall war. Die säkularisierte Welt, in der wir leben, verpflichtet uns Christen alle, das Wesentliche in unserem Leben zu suchen und uns nicht in fruchtlosen Polemiken zu verlieren, die niemandem nützen. Ökumenische Zusammenarbeit ist ein Gebot unserer Zeit. In diesem Sinne sind unsere Priester in Österreich unter der Leitung von Bischofsvikar Dr. Nicolae Dura sowohl vor Ort als auch auf zentraler Ebene sehr aktiv.

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,wir, die Gemeinschaft der orthodoxen Rumänen in Österreich, sind dem österreichischen Staat dankbar für die uns gewährte Freiheit und die Unterstützung unserer Aktivitäten, insbesondere im sozialen Bereich. Wir danken der Katholischen Kirche für die Bereitstellung von liturgischen Räumlichkeiten für unsere Gemeinden, die keine eigenen Kirchen besitzen, und für die in einigen Fällen gewährte Möglichkeit, Kirchen für unsere Pfarrgemeinden käuflich zu erwerben, insbesondere hier in Wien. Als jemand, der die orthodoxen Rumänen in Deutschland, Österreich und Luxemburg seit 32 Jahren betreut, bin ich mit der Atmosphäre in diesen Ländern vertraut. Doch ich muss gestehen, dass ich mich nirgendwo so wohl fühle wie in Österreich, einem Land mit einer lebendigen christlichen Tradition, die alle seine Einwohnerinnen und Einwohner zum Guten prägt. Ich habe den Eindruck, dass die Rumänen in Österreich der Kirche stärker verbunden sind, was auf das christliche Umfeld zurückzuführen ist, in dem sie leben. Ich schätze die Bemühungen der Stiftung Pro Oriente sehr, westliche und östliche Christen einander näherzubringen. Zu den Förderern der Stiftung gehört Seine Seligkeit Daniel, der Patriarch unserer Rumänischen Orthodoxen Kirche.

Ich danke Ihnen nochmals herzlich für Ihre heutige Anwesenheit und schließe mit der Bitte um den Segen des Herrn für alle Anwesenden!

Christus ist auferstanden!

† Metropolit Serafim