Buchrezension: Protosingel Ioan Popoiu, Heilige der rumänischen Lande, 2025
Protosingel Ioan POPOIU, Heilige der rumänischen Lande, Bonn-Sibiu 2025, 405 S., (Deutsch-Rumänische Theologische Bibliothek. Band 13)
Buchrezension von Pfr. Dr. Alexandru Nan
Das Leben der Heiligen ist keine Angelegenheit vergangener Zeiten oder etwas Anachronistisches, Veraltetes oder Überholtes, wie manche Menschen behaupten. Die Heiligkeit ist immer sehr aktuell und übt eine große Faszination aus, denn die Heiligen sind Menschen, die auch den menschlichen Aspekt ihres Daseins bestmöglich verwirklicht haben.
Leider sehen manche Menschen diese Sache nicht mehr so, wie zum Beispiel eine junge estnische Schriftstellerin, die mit dem Essay „Die Abschaffung des Heiligen” einen Wettbewerb vor zwei Jahren gewonnen hat. Später stellte sich jedoch heraus, dass die Arbeit von einer KI-Assistentin geschrieben wurde[1]!
Der außergewöhnliche menschliche Wert der Heiligen ergibt sich auch aus der in ihrem Leben stets präsenten Entscheidung, sich mit oft grenzenloser Hilfsbereitschaft in den Dienst jedes Mitmenschen zu stellen. Denn es sind Selbstsucht und Eigeninteresse, die unsere geistige Reifung behindern und erschweren. Auch brauchen wir die Heiligen als Gegenposition, als Beispiel, denn wir brauchen Vorbilder, Menschen, die sich für andere aufgeopfert haben.
In diesem Licht möge die Initiative von Protosingel Ioan Popoiu, Priestermönch der Rumänisch-Orthodoxen Metropolie für Deutschland, Zentral- und Nordeuropa, verstanden werden, der letztes Jahr (2025) das Buch „Heilige der rumänischen Lande” als Band 13 in der Reihe der Deutsch-Rumänischen Theologischen Bibliothek (DRThB) veröffentlicht hat. Vater Ioan ist zu Hause in mehreren Theologiefächern und auch ein ausgewiesener Kenner der rumänischen Heiligen. Er hat sich bereits früher mit den rumänischen Heiligen beschäftigt und dieses Buch bereits auf Spanischer veröffentlicht. Der vorliegende Band stellt die deutlich erweiterte, durch Vater Julian Dettling ausgeführte, Übersetzung des Werkes dar, die mit den Heiligenviten zahlreicher neuer Heiliger birgt: einerseits hat der Heilige Synod der Rumänischen Orthodoxen Kirche im Jahre 2025 sechzehn neue heilige Männer und in diesem Jahr sechzehn heilige Frauen glorifiziert, die in dem vorliegenden Band bereits berücksichtigt wurden.
Die in diesem Werk vorgestellten Heiligen, wurden in vier Kategorien eingeteilt: „Märtyrer der ersten christlichen Jahrhunderte; Asketen und Priester des Mittelalters; Asketen, Bekenner und Neumärtyrer der Neuzeit bzw. der kommunistischen Verfolgungszeit sowie zeitgenössische geistliche Väter und Christen. Eine kleinere, potenziell wachsende Kategorie bilden die Heiligen Fürsten, die bei zukünftigen Kanonisierungen ebenfalls berücksichtigt werden“ (S. 18). In der kalendarischen Reihenfolge werden diese Heiligen präsentiert, angefangen mit dem Monat Januar. Fast jeder Artikel enthält auch eine historische Einleitung zum Lebenskontext des jeweiligen Heiligen. In derselben Einleitung stellt der Autor die wichtigen Quellen vor, auf die er zurückgegriffen hat. Am Ende jedes Kapitels ist zumeist das jeweilige Tropar bzw. Kontakion aufgeführt sowie ein Verzeichnis der Quellen.
Sehr hilfreich für das Verständnis des Werkes ist das Glossar der wichtigsten Begriffe, wie „Akathistos, Menaion, oder Menologion“, das von Pfr. Prof. Dr. honoris causa Jürgen Henkel zusammengestellt wurde (S. 24–26).
Da es in diesem Buch um 200 Lebensbeschreibungen rumänischer Heiliger geht, werde ich in dieser Rezension je einen Heiligen bzw. eine Heilige der drei von vier Kategorien kurz vorstellen.
Für den 13. Januar, gemäß dem revidierten julianischen Kalender, stellt Vater Ioan die Heiligen Ermil und Stratonic, Märtyrer, die im 3. bis 4. Jahrhundert in der römischen Provinz Illyricum, die am Mittellauf der Donau liegt, und ihr Martyrium in Singindunum (dem heutigen Belgrad) erlitten haben, dar (S. 31-34).
Bereits in der Einleitung erklärt der Autor, dass der Titel „Heilige der rumänischen Lande“ des Werkes nicht ganz exakt definiert ist und dass nicht alle Heiligen der rumänisch-orthodoxen Kirche ausschließlich rumänischer Herkunft sind, dass sich unsere Kirche nicht auf die Heiligen beschränkt, „die auf dem heutigen rumänischen Staatsgebiet lebten“, sondern auch solche einbezogen hat, „die zum religiösen und kulturellen Erbe Rumäniens gezählt werden könnten“ (S. 18). So sagt er wörtlich: „Nach diesem Kriterium habe ich auch diejenigen Heiligen in die Anthologie aufgenommen, die in anderen Ländern lebten, deren Reliquien jedoch heute in Rumänien verehrt werden“ (S. 18).
Zurück zu den Heiligen Ermil und Stratonic: Wie in allen Aufsätzen werden zunächst die Quellen angegeben und anschließend ihr Leben und ihr Martyrium beschrieben. Auch der politisch-religiöse Kontext wird hier dargestellt, in diesem Fall der mit der Christenverfolgung unter Diokletian und Licinius, um ihr Opfer für Christus besser zu verstehen. Der Mut des Diakons Ermil, sich zum christlichen Glauben zu bekennen, hat den Soldaten Stratonic, der ebenfalls ein heimlicher Christ war, ermutigt, sich zu bekennen und lieber das Martyrium auf sich zu nehmen, als Jesus zu verleugnen. Dies zeigt einmal mehr die Erfüllung der Worte Tertullians: „Das Blut der Christen ist ihr Same“.
Der zweite Heilige, der hier kurz analysiert wird, ist ein Einsiedler: Vasile aus Poiana Mărului (S. 98-101). Er war der geistliche Vater des Heiligen Paisij Velickovskij, Abt des Klosters Neamț, „einer der berühmtesten Lehrer und Anhänger des immerwährenden Jesusgebets im 18. Jahrhundert“ (S. 98). Er ist auch dafür bekannt, die Wiederbelebung des orthodoxen Klosterlebens in seiner Zeit in der Moldau und der Ukraine eingeleitet zu haben. In diesem Fall wird nicht nur die Biografie des Heiligen dargestellt, sondern auch seine schriftlichen Arbeiten und gar seine Texte präsentiert. Hier bieten wir einen kurzen Text über die Wichtigkeit der Bibellektüre, das auch heutzutage von großer Bedeutung ist: „Nimm dich in Acht beim Lesen der Schrift, und wenn du kein Mensch bist, wirst du aus dir einen Menschen machen, denn das Lesen der Schrift ist ein heilender Brunnen und ein rettendes Handwerk. Es ist jedoch sehr wichtig, die Heilige Schrift nicht falsch zu verstehen, und die Heilige Schrift falsch zu verstehen ist wie ein tiefer Abgrund. Deshalb müssen wir die Schriften der Väter und anderer Asketen kennen, die uns auf dem Weg des Heils helfen“ (S. 99-100).
Der dritte ausgewählte Heilige ist ein gelehrter Mönch, dessen am 1. September gedacht wird: Dionysius Exiguus (S. 231-235). Er lebte in der Mitte des 5. Jahrhunderts wahrscheinlich in Klein-Skythien (der heutigen Dobrudscha, zwischen Donau und Schwarzem Meer), wo er geboren wurde. In der Geschichte des Christentums (nicht nur der Orthodoxie!) besteht seine Bedeutung darin, dass er der „Vater der christlichen Ära“ ist, der erste, der die Jahre nach der Geburt Christi unter dem Syntagma „Anno Domini“ nummeriert hat.
Mit skythischer Abstammung, römischem Verhalten und zweisprachig, war Dionysius in Syrien, Konstantinopel und Rom tätig. Er hat für mehrere Päpste Übersetzungen aus dem Griechischen ins Lateinische vorgenommen, darunter Dokumente und Heiligenviten. Die Informationen über sein Leben und seine Verdienste stammen fast ausschließlich aus den Göttlichen Institutionen des Cassiodorus. Seine Schriften sind nicht nur „ein einfacher Akt der Übersetzung, sondern auch der Interpretation. Er schrieb oft Einleitungen zu diesen lateinischen Übersetzungen, die manchmal auch dogmatische Lehren enthielten. Neben seinen Übersetzungen verfasste er Sammlungen zum kanonischen Recht, aber auch Originalwerke zur Chronologie“ (S. 232).
Wie bei den anderen Heiligenvorstellungen bietet uns der Autor auch hier eine Liste der Übersetzungen und Originalwerke, die Dionysius unternommen hat. In einem Unterkapitel wird die Wichtigkeit von Dionysius unterstrichen. Vater Ioan zeigt auch die Bedeutung des Dionysius für die Kulturgeschichte auf und schildert, wie diese „Dionysische Ära” im Laufe der Jahrhunderte in Italien, Spanien, England und auch in der Orthodoxen Kirche (im 19. Jahrhundert) rezipiert wurde.
Dionysius geriet fast in Vergessenheit, doch im Rahmen der Kampagne zur Heiligsprechung der „rumänischen” Heiligen nach dem Fall des Kommunismus wurde er wiederentdeckt und am 8. Juni 2008 „für die Reinheit des Glaubens und die Tätigkeit im Dienst der Kirche” (S. 235) heiliggesprochen.
Als viertes Beispiel sei die neue Heilige Anastasia Șaguna erwähnt, deren Proklamation am 1. Dezember 2026 stattfinden wird. Sie wurde 1785 geboren, heiratete im Alter von 18 Jahren Naum Șaguna in Mischkolz (heutiges Ungarn) und bekam vier Kinder. Das familiäre Gleichgewicht geriet ins Wanken, als ihr Mann aus wirtschaftlicher Not zum römischen Katholizismus übertrat.
In dieser Lebensbeschreibung werden all ihre Anstrengungen und ihr Opfermut aufgezeigt, die eine große Rolle für das geistliche Leben ihrer Kinder spielten. Die Struktur des Aufsatzes ist sehr einfach und beinhaltet nicht nur die reine Darstellung des Lebens der Heilige, sondern auch einen Literaturhinweis. Der Autor hat bereits in der Einleitung des Buches betont, dass er zu einigen der zuletzt proklamierten Heiligen nur Grundinformationen anbietet, die nach und nach ergänzt werden sollen.
Das Vorhaben von Vater Ioan stellt keine Verschärfung des religiösen Nationalismus dar, sondern zielt darauf ab, uns Vorbilder aus dem Leben unseres Volkes anzubieten und zu zeigen, dass auch für uns die Heiligkeit möglich ist. In zweiter Linie geht es darum, diese Heiligen auch den Deutschsprachigen näherzubringen.
Wie aus diesem Buch sichtbar wird, ist bei den Heiligen alles von Integrität, Inbrunst, Heldentum, Glanz und nicht selten auch von Größe in ihren Taten geprägt. Das Studium ihres Lebens birgt keine Gefahr der Monotonie: es gibt keine zwei, die einander vollkommen gleichen. Oft sind auch diejenigen, die dem Glauben fernstehen, beim Lesen ihrer außergewöhnlichen Lebensgeschichten begeistert. Das Lesen der Lebensgeschichten der Heiligen führt nicht nur zu außergewöhnlichen Bekehrungen, sondern trägt seit jeher dazu bei, dass man nicht nur den Weg des Guten einschlägt, sondern auch konsequent und mutig die evangelischen Seligpreisungen wählt. In verschiedenen Hagiographien ist zu lesen, dass viele tugendhafte Seelen bereits in ihrer Kindheit den Entschluss gefasst haben, sich ganz dem Herrn zu weihen, auch dank der Lesungen von Heiligenbiografien, die sie in ihrer Familie bspw. während der Kindheit gehört haben.
Wir brauchen Bücher dieser Art, denn wir brauchen Licht und Hoffnung für unseren beschwerlichen irdischen Weg, besonders in einer Gesellschaft, die nicht nur immer mehr an menschlichen und spirituellen Werten verarmt, sondern auch zunehmend dazu neigt, auf Gott und die Kirche zu verzichten.
Das Beispiel der Heiligen kann in uns den Wunsch wecken, eine wertvollere und bessere Welt zu schaffen, die vom Göttlichen durchdrungen ist. Die Heiligen müssen wir kennenlernen, ihnen nacheifern und sie auch anrufen, denn sie sind ein wahrer Schatz für die Kirche. Wo die Heiligen gehen, geht Gott mit ihnen. Je besser wir das Leben der Heiligen kennen, dieser glaubwürdigen Zeugen Christi und des authentischen Evangeliums, desto größer ist unsere Chance, treue Nachfolger Jesu zu werden, des Weges, der Wahrheit und des Lebens.
Mit diesem Buch kann man mehr als die Hälfte des Jahres in der Gesellschaft der rumänischen Heiligen verbringen. Ihre Vorbilder, Lehren und Gedanken eignen sich sowohl für die persönliche Besinnung als auch für die Katechese und Predigt. Wir gratulieren vom Herzen Vater Protosingel Ioan Popoiu zu diesem gelungenen Werk.
Als Schlusswort könnte nichts Besseres stehen als die Wünsche des Metropoliten S.E. Serafim, der das Geleitwort des Buches verfasst hat: „Ich bete zum allgütigen Gott, dass Er die Leser durch die Gebete der in diesem Buch vorgestellten Heiligen segne und ihnen die Entschlossenheit schenke, ihrem Beispiel zu folgen“ (S. 15).
[1] Tobias HABERL, Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe, München 2024, 124.









