Buchrezension: Märtyrer, Vorbilder und Glaubenszeugen 

Das jüngst erschienene Buch „Heilige der rumänischen Lande“ von Mönchspriester Ioan Popoiu porträtiert alle in der Rumänischen Orthodoxen Kirche verehrten Heiligen 

 

Neben den großen und auch im ökumenischen Kontext der gesamten Christenheit in Ost und West verehrten Heiligen wie etwa Nikolaus von Myra oder bedeutenden Kirchenvätern der Alten Kirche werden in jeder orthodoxen Kirche auch Heilige verehrt, die die jeweilige Kirche heiliggesprochen hat. Auch die Rumänische Orthodoxe Kirche verehrt über die gesamtkirchlichen Heiligen hinaus rund 200 Männer und Frauen aus verschiedenen Epochen der Kirchengeschichte als Heilige. Und die Auswahl ist nicht auf die Zeit seit der offiziellen Anerkennung der Eigenständigkeit (Autokephalie) der Kirche im Jahr 1885 beschränkt.

Dabei gibt es ganz unterschiedliche Kategorien. Ein zentrales Kriterium ist das Martyrium. Märtyrer, die für ihren Glauben an Jesus Christus sterben, gehen nach Überzeugung und Lehre der Kirche und der Heiligen Schrift sofort in den Himmel ein. So verehrt die Rumänische Orthodoxe Kirche Märtyrer von den Christenverfolgungen der Antike bis zu den Opfern der Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Doch die Heiligsprechung kann auch Glaubenszeugen in Zeiten der Unterdrückung oder Christen und Christinnen mit besonders reinem Leben als Vorbildern im Glauben widerfahren. Wobei echte Heilige nie danach streben, verehrt zu werden, sondern ihr gottgefälliges Leben oder ihren Bekennermut im Martyrium immer voll Demut auf das stärkende Wirken des Heiligen Geistes zurückführen.

Eine Ausnahme mögen hier heiliggesprochene Herrscher sein, denen vor allem als Kirchenstiftern oder Beschützern der Kirche gedacht und gedankt wird. Wobei Fürst Constantin Brâncoveanu, der mit seinen Söhnen und seinem Berater Ianache 1714 auf Befehl des Sultans in Istanbul hingerichtet wurde, selbstverständlich zu Recht als Märtyrer gewürdigt wird.

Gerade in der historischen Region der Dobrudscha finden sich Zeugnisse des Christentums aus der frühen Antike. Bischöfe sind in Tomis, dem heutigen Konstanza, seit dem 3. Jahrhundert belegt. Bis heute tragen der Erzbischof von Konstanza und sein Bistum den antiken Namen der Stadt im Titel („Erzbischof von Tomis“ bzw. „Erzbistum Tomis“). Und auch Opfer der Christenverfolgungen des Römischen Reiches sind dort dokumentiert wie die berühmten „Märtyrer von Niculiţel“ Zotic, Attal, Camasie und Filip.

Das Jahr 2025 widmete die Heilige Synode als Bischofskonferenz der Rumänischen Orthodoxen Kirche jüngst nun nicht nur dem hundertjährigen Jubiläum der Erhebung der Kirche zum Patriarchat 1925, sondern ausdrücklich auch den Heiligen und Märtyrern des 20. Jahrhunderts. In diesem Gedenkjahr wurden auch 15 neue Märtyrer und Glaubenszeugen kanonisiert, also heiliggesprochen.

Dazu zählen Opfer des kommunistischen Regimes wie die bekannten Priester und Theologieprofessoren Liviu Galaction aus Klausenburg/Cluj-Napoca (1898-1961) und Ilarion Felea aus Arad (1903-1961), die in kommunistischen Kerkern ihr Leben verloren. Genauso aber gehören Glaubenszeugen dazu, die in der Zeit des Totalitarismus ihren Glauben mutig weiter bekannt haben, selbst wenn sie teilweise über Jahre in politischer Haft waren, wie zum Beispiel der große Theologe Dumitru Stăniloae (1903-1993). Im Februar dieses Jahres 2026 wurden zudem weitere 16 Frauen zur Ehre der Altäre erhoben, wie im Juli 2025 vom Heiligen Synod beschlossen.

Vor diesem Hintergrund ist jüngst in der „Deutsch-Rumänischen Theologischen Bibliothek/DRThB“ ein neuer Band erschienen unter dem Titel „Heilige der rumänischen Lande“. Die Monographie aus der Feder von Protosingel Dr. Ioan Popoiu präsentiert erstmals Porträts und Profile aller Männer und Frauen, die in der Rumänischen Orthodoxen Kirche als Heilige verehrt werden. Diese deutschsprachige Darstellung schließt mit der vorliegenden Gesamtübersicht sogar eine Lücke in der eigenen Kirchengeschichte und Hagiographie der rumänischen orthodoxen Theologie und Kirche. So gibt es zwar viele gedruckte und mediale Einzel- oder Epochendarstellungen, auch im Internet, aber ein gedrucktes Werk mit allen Heiligen der Kirche ist in dieser Form ein Novum.

Das Verdienst daran gebührt dem Autor Ioan Popoiu. Der Mönchspriester mit dem Ehrenrang eines Protosingel lebt seit langer Zeit in Deutschland und gehört zum Kloster am Sitz der Rumänischen Orthodoxen Metropolie von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa in Nürnberg. In der größten Stadt Frankens betreut er auch eine orthodoxe Pfarrei. Sein Buch umfasst alle Heiligen von der Antike bis zu den jüngst kanonisierten Frauen.

Die Darstellung ist nicht chronologisch sortiert, sondern orientiert sich am Datum der Gedenktage im Jahreslauf. So kommen Heilige aus ganz unterschiedlichen Epochen unmittelbar nebeneinander zu stehen, was aber nicht stört, sondern der Glaubenspraxis entspricht. Popoiu bietet kurze, prägnante Lebensläufe, bei denen erwartungsgemäß historisch eine sehr unterschiedliche Quellenlage zugrundeliegt, die der Autor jeweils präsentiert. Den Kurzbiographien, die die Heiligen als Menschen und Persönlichkeiten charakterisieren, sind jeweils Hinweise auf Zeugnisse der Verehrung sowie die entsprechenden auf die Person zugeschnittenen liturgischen Hymnen (Tropare) beigefügt. Bei den Heiligen neueren Datums ist auch die formelle Kanonisierung mit Daten skizziert, die es in dieser kirchenrechtlichen Form früher noch nicht gab. Auf wesentliche Titel beschränkte Literaturhinweise runden die Porträts jeweils ab.

Der so vorgestellte Heiligenkalender schildert die Frömmigkeit und Glaubenstreue dieser Männer und Frauen, manchmal bis hin zum Martyrium. Bedeutende Bischöfe wie Calinic von Cernica (Bischof von Râmnic) oder Metropolit Andrei Şaguna von Siebenbürgen (beide 19. Jh.) und große Theologen und Gelehrte mit Wurzeln in der Dobrudscha wie Johannes Cassian (4./5. Jh.) und Dionysius Exiguus (5./6. Jh.) kommen dabei ebenso zur Geltung wie Männer und Frauen, die sich ganz dem Gebet oder dem geweihten Leben im Kloster oder als Einsiedler verschrieben haben wie etwa der in Siebenbürgen beliebte Arsenie Boca („von Prislop“; 20. Jh.) und natürlich die in der gesamten Orthodoxie berühmte und verehrte Paraskeva von Jassy/Iaşi (10. Jh.).

Die Kirchen- und Theologiegeschichte spiegelt sich in den Heiligenviten reichlich wider. Das reicht vom Apostel Andreas, auf den sich die rumänische Orthodoxie als Schutzpatron Rumäniens beruft und zurückbezieht, über als Heilige verehrte Gegner der Kirchenunion mit Rom wie etwa Visarion Sarai und Sofronie von Cioara bis hin zu Paisij Veličkovskij (1722-1794), dem berühmten Begründer des Neuhesychasmus, der die orthodoxe Spiritualität in Rumänien bis heute prägt.

Insgesamt breiten die von Protosingel Popoiu aufbereiteten Heiligenviten auch eine Art indirekte Kirchengeschichte für die Leserinnen und Leser auf. Zeichen und Wunder, die diese Heiligen vollbracht haben, benennt der Autor ebenfalls. Wobei seine Darstellung sich nie auf Wundergläubigkeit reduziert, sondern immer den geistlichen Anspruch dieser Männer und Frauen in Leben, Lehre und Wirken oder eben im Leiden oder Tod für Christus betont.

Da diese Heiligen nicht ausschließlich rumänischer Herkunft sind und oft auch länderübergreifend gewirkt haben, wird gelegentlich auch der größere historische Kontext angegeben. Wobei versucht wird, eine weitgehende Einheitlichkeit bei der Schreibung von Eigennamen sicherzustellen. Ein Glossar von Fachbegriffen und Kartenmaterial sind zudem wertvolle Hilfe für Lektüre und Verständnis dieses inhaltlich wertvollen und von Optik und Gestaltung her hochwertigen Bandes, den auf der Titel die eigens für 2025 erstellte Festikone aller rumänischen Heiligen schmückt.

Protosingel Ioan Popoiu: Heilige der rumänischen Lande, Schiller Verlag, Bonn-Hermannstadt 2025 (Deutsch-Rumänische Theologische Bibliothek/DRThB Band 13), 405 S., geb., ISBN 978-3-949583-81-0, 22.- €

 

Rezension von Smarand Lieberfeld