Hirtenbrief des Metropoliten Serafm zum Beginn der Großen Fastenzeit 2026
(Kommentar zum Evangelium nach Matthäus 6, 14–21)
Hochwürdige Väter, Liebe Schwester und Brüder,
mit der heutigen Vesper, auch „Vesper der Vergebung“ genannt, beginnt die siebenwöchige Fastenzeit. Sieben Wochen des Fastens und des verstärkten Gebets bereiten uns darauf vor, die Gaben der Auferstehung zu empfangen: Frieden und Freude für die Seele, Gesundheit und Stärkung für den Leib. Gottes Gaben empfangen wir entsprechend unserer Anstrengung. Wir beten viel, wir fasten viel, und wir werden Gottes Hilfe in Fülle erfahren.
In diesen Wochen der geistlichen Askese begleiten wir den Erlöser Jesus Christus auf seinem Leidensweg für das Heil der Welt. Das gesamte irdische Leben des Erlösers war von Leid begleitet: Schon bei seiner Geburt in der Höhle von Bethlehem trachtete König Herodes ihm nach dem Leben. Während seiner Predigten stellten sich ihm die Schriftgelehrten, Pharisäer und Ältesten des Volkes entgegen, bis sie ihn schließlich verhafteten und zum Tode durch Kreuzigung verurteilten – dem qualvollsten und schändlichsten Tod, den ein Verurteilter erleiden konnte. Christus, der Herr, der die fleischgewordene Liebe war und die Menschen lehrte, einander zu lieben und ihren Mitmenschen, selbst ihren Feinden, von Herzen ihre Fehler zu vergeben; Christus, der Herr, der so viele Wunder vollbrachte, Kranke heilte, Dämonen austrieb und Tote auferweckte – Er, Der einzige sündenlose Mensch, nahm den Tod am Kreuz freiwillig an und betete für seine Peiniger: „Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lukas 23,34).
„Größere Liebe hat niemand als die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde“, sagt der Herr im Johannesevangelium (15,13). Nun hat Er, der Herr und Erlöser der Welt, Sein Leben für Seine Feinde hingegeben! Er gibt Sein Leben immer wieder für all jene hin, die Ihn ein zweites Mal kreuzigen, jedes Mal, wenn sie sündigen. Denn jede Sünde, die wir durch Worte, Taten oder Gedanken begehen, ob willentlich oder unwillentlich, bedeutet einen Nagel, der in das Herz des Herrn getrieben wird, eine neue Kreuzigung seiner selbst. „Jesus wird bis zum Ende der Welt in Agonie sein“, schrieb einst der große französische Philosoph Blaise Pascal (17. Jahrhundert).
Besonders die Sünde des Hasses auf unsere Mitmenschen, ja schon die bloße Erinnerung an das Böse, entstellt unsere Seele und raubt ihr inneren Frieden und Ruhe. Wir können keinen inneren Frieden und keine innere Ruhe finden, wenn wir denen, die uns Unrecht getan haben, nicht von Herzen vergeben. Wenn wir nicht von Herzen vergeben, werden wir den Lohn für unsere Sünden empfangen. „So wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht ein jeder seinem Bruder von Herzen vergebt“ (vgl. Matthäus 18,35). Fasten und Beten werden von Gott nicht angenommen, wenn wir denen, die uns Unrecht getan haben, nicht von Herzen vergeben! Deshalb lasst uns die Askese der Fastenzeit damit beginnen, diejenigen um Vergebung zu bitten, die wir – auch unbeabsichtigt – beleidigt oder ihnen Schaden zugefügt haben, und lasst uns denen, die uns Unrecht getan haben, von Herzen vergeben! Lasst uns nicht nur jetzt zu Beginn der Fastenzeit um Vergebung bitten, sondern jedes Mal, wenn wir jemanden beleidigen. In Klöstern bitten Mönche und Nonnen einander mehrmals täglich um Vergebung, jedes Mal, wenn sie einander begegnen. „Segne und vergib“ ist der tägliche Gruß des Mönchs. Welch eine schöne Regel, die uns die heiligen Väter hinterlassen haben! „Denn wir alle straucheln [sündigen] oft…“, sagt der Heilige Apostel Jakobus (3,2). Deshalb brauchen wir alle Vergebung, sowohl von den Menschen als auch von Gott. Auf die Frage des Heiligen Apostels Petrus: „Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der gegen mich sündigt, vergeben? Bis siebenmal?“, antwortet ihm der Erlöser: „Ich sage dir: Nicht bis siebenmal, sondern bis siebzigmal sieben!“ (Matthäus 18,21–22), das heißt, immer und bedingungslos zu vergeben.
Damit das Gebet in unsere Herzen einziehen und uns demütig und vergebend machen kann, braucht auch der Körper das Fasten. Die Orthodoxe Kirche ist eine Kirche der Askese, des Gebets und des Fastens, wie die christliche Kirche von ihren Anfängen an. Mehr als die Hälfte der Tage im Jahr sind Fastentage. Wir fasten mittwochs und freitags zum Gedenken an den Verrat des Erlösers durch Judas und Seine Kreuzigung. Wir fasten während der vier Fastenzeiten im Jahr: der Großen Fastenzeit, der Fastenzeit zu Ehren der Geburt des Herrn, der Fastenzeit zu Ehren der Entschlafung der Gottesgebärerin und der Fastenzeit der Heiligen Apostel Petrus und Paulus. Denn Fasten stärkt unseren Körper und öffnet unser Herz, sodass wir vergeben und barmherzig werden. Fasten fördert zudem die körperliche Gesundheit. Die moderne Medizin empfiehlt zwei Tage Fasten pro Woche. Lasst uns daher versuchen, während der Großen Fastenzeit zu fasten, jeder nach seinen Möglichkeiten, im Bewusstsein, dass wir für unser geistiges und körperliches Wohlbefinden fasten. Lasst uns mit Freude und Liebe fasten, denn alles, was wir aus Liebe tun, fällt uns leicht.
Das heutige Evangelium endet mit der Ermahnung des Erlösers: „Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Fraß zerstören und wo Diebe durchgraben und stehlen; sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Fraß zerstören… Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein“ (Matthäus 6,19–21). Wenn wir innehalten und darüber nachdenken, erkennen wir, dass unser ganzes Leben eine ständige Entscheidung für materielle Güter ist: Essen, Trinken, Kleidung, Haus, Auto… Das ist an sich nicht schlecht, denn die Heilige Schrift sagt: „Nun geht der Mensch hinaus an sein Werk und an sein Gewerbe bis zum Abend“ (Psalm 103,23) oder „Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Erdboden, denn von ihm bist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren!“ (1. Mose 3,19). Die Sünde beginnt, wenn unser Herz leidenschaftlich an materiellen Gütern hängt, Gott und unsere bedürftigen Mitmenschen vergisst und Dinge anhäuft, die für ein nüchternes Leben nicht notwendig sind.
Nur ein maßvolles Leben in Bezug auf Essen, Trinken und Kleidung schenkt uns Gesundheit und Zufriedenheit der Seele. Alles, was wir im Überfluss haben, wird zur Last. Der Heilige Apostel Paulus sagt: „Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, so wollen wir uns daran genügen lassen. Die aber reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstrick und in viele unvernünftige und schädliche Begierden, welche die Menschen in Verderben und Untergang versenken. Denn eine Wurzel alles Bösen ist die Geldliebe, nach der einige getrachtet haben und von dem Glauben abgeirrt sind und sich selbst mit vielen Schmerzen durchbohrt haben“ (1. Timotheus 6,8-10). Um der Gier nach Geld zu entfliehen, müssen wir viel Nächstenliebe üben und unseren bedürftigen Mitbürgern helfen, insbesondere jenen kinderreichen Familien in unserem Land, das wir nicht aus Mangel an den nötigsten Lebensnotwendigkeiten verlassen haben, sondern aus dem Wunsch nach mehr.
Ich bitte euch daher inständig, stets denen zu helfen, die Hilfe benötigen, mit dem, was ihr habt, sei es im Kleinen oder im Großen. Lasst uns ein barmherziges, mitfühlendes Herz haben und das Leid unserer Mitmenschen wahrnehmen. Ein weises Sprichwort sagt: „Wer gibt, gibt für sich selbst“ oder „Wer gibt, leiht für Gott“, und Gott bleibt niemals in der Schuld. Er belohnt hundertfach hier auf Erden und im Himmel. Wenn wir in Not Hilfe erfahren wollen, lasst uns Gott „leihen“, indem wir unseren Mitmenschen Gutes tun: „Selig, der Einsicht hat mit dem Armen und Geringen! Am bösen Tag wird ihn der Herr befreien“, sagt der Psalmist (Psalm 40,1).
Ich bitte euch um Vergebung für alles, was ich euch vielleicht angetan habe, in dem Glauben, Gutes zu tun – denn selbst wenn man Gutes im Sinn hat, kann man Menschen kränken, die keine Ermahnung annehmen. Ich bete zum Herrn, dass er euch mit Frieden und Gesundheit segnet und euch ein demütiges und barmherziges Herz schenkt.
Ich wünsche euch allen ein leichtes und segensreiches Fasten zur Errettung.
+Metropolit Serafim
[Evangelium: ELB; Psalmen: Hiobspsalter (d.Ü.)]










