Pastoralbrief des Metropoliten Serafim zum Ostern 2026
„Suche den Frieden und jage ihm nach” (Psalm 34,15)
Hochwürdige und ehrwürdige Väter,
geliebte Gläubige,
Christus ist auferstanden!
Die Auferstehung des Herrn, die wir heute mit freudigen Herzen feiern, wird in den Hymnen der Kirche als „Königin und Herrin, Fest der Feste und Feiertag der Feiertage“ bezeichnet. Die Gottesdienste der Kirche im Laufe des Jahres, insbesondere aber die des Heiligen Osterfestes und bis zur Himmelfahrt des Herrn, sind von großer mystischer Tiefe und seltener Schönheit. Sie erleuchten unseren Verstand, erwärmen unsere Herzen und geben uns Kraft, das Kreuz des Leidens und der Nöte zu tragen. Der Erlöser Jesus Christus hat durch seine Auferstehung den Tod besiegt und die Macht des Teufels und der Sünde mit all ihren Folgen – Krankheiten, Gebrechen aller Art, einschließlich des Todes – zerstört.
Wer von ganzem Herzen an den auferstandenen Christus glaubt und sich im Gebet mit Ihm vereint, siegt in allem und fürchtet nichts, nicht einmal den Tod. Niemand kehrt von einem Gottesdienst, insbesondere von der Heiligen Liturgie, so zurück, wie er gekommen ist, sondern erleichtert, getröstet und geistlich gestärkt. Denn jeder Gottesdienst, an dem wir mit vollem Herzen und unserem ganzen Wesen teilnehmen, erfüllt unsere Herzen mit der Gnade und Kraft der Auferstehung. Deshalb lasst uns mit Liebe in die Kirche kommen, lasst uns aufmerksam allen Gebeten und Gesängen folgen, damit sie unser Herz erreichen, wo Gott wohnt.
Die ersten, die den auferstandenen Erlöser Christus sahen, waren nicht die Apostel, sondern die Myrrhenträgerinnen: Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, Salome und andere, die mit ihnen am ersten Tag der Woche, dem Sonntag, frühmorgens zum Grab gingen, um den Leib des Herrn mit Salböl zu salben. Sie wussten, dass das Grab mit einem großen Stein versiegelt und von Soldaten bewacht wurde. Doch sie fürchteten sich nicht, sondern machten sich voller Mut auf den Weg zum Grab. Und dort begegneten sie zu ihrem Erstaunen dem auferstandenen Erlöser, der zu ihnen sprach: „Freut euch!“ (Matthäus 28,9).[1] Dies war der Lohn für ihren unerschütterlichen Glauben und ihre Liebe zu dem, der so viele Wunder an ihnen und vielen anderen gewirkt hatte. Jede gute Tat, die mit Mühe und Mut vollbracht wird, wird vom Herrn mit Freude und Seelenfrieden belohnt. Wie viele gläubige Frauen sind bis heute wie die Myrrhenträgerinnen von einst, mit Leib und Seele dem Erlöser und Seiner Kirche verbunden!
Am selben Abend erschien der Erlöser auch den Aposteln, die sich aus Furcht vor den Juden in einem Haus in Jerusalem eingeschlossen hatten. Er ging durch die verschlossene Tür zu ihnen hinein, trat in ihre Mitte und sprach zu ihnen: „Friede sei mit euch!“ Dann hauchte er sie an und sprach: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr sie nicht vergebt, dem sind sie nicht vergeben.“ (Johannes 20,21–23). Die ersten Worte des auferstandenen Erlösers an die Apostel waren also: „Friede sei mit euch!“ Seit der Geburt des Herrn in Bethlehem sangen die Engel über der Höhle: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen Seines Wohlgefallens!“ (Lukas 2,14). Der Erlöser Jesus Christus kam in die Welt, um die Menschen von der Knechtschaft der Sünde zu befreien und sie mit Gott und untereinander zu versöhnen. Denn die Sünde, der Ungehorsam gegenüber Gottes Geboten, trennt uns von Gott und voneinander und sät Feindschaft zwischen den Menschen. Deshalb gab der Erlöser, im Wissen um die Schwäche der menschlichen Natur, die von Jugend an zum Bösen neigt, den heiligen Aposteln – und durch sie ihren Nachfolgern, den Bischöfen und Priestern – die Vollmacht, den Menschen ihre Sünden zu vergeben, wenn sie diese reumütig vor ihrem Beichtvater bekennen.
Geliebte Gläubige,
das Wort „Frieden“ erscheint im Alten und Neuen Testament über vierhundert Mal. Frieden bedeutet inneren Seelenfrieden und Harmonie mit Gott und den Menschen. Wer wünscht sich nicht Frieden im Herzen und Frieden in der Welt? Alle Menschen! Denn Gott hat uns geschaffen, um das Leben zu genießen und in Harmonie miteinander zu leben. Der selige Augustinus († 430) sagt: „Geschaffen hast du uns auf Dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir.“ (Bekenntnisse 1,1) Die Seele des Menschen findet nur in Gott, in „Jesus Christus, der unser Friede ist“ (Epheser 2,14), Ruhe und Frieden. Deshalb hören wir in den Gottesdiensten der Kirche immer den Segen des Priesters: „Friede sei mit euch“, sowie die Ermahnung: „Für den Frieden der ganzen Welt (…) und für die Einheit aller (Menschen) lasst uns zum Herrn beten“, oder die Bitte: „Den ganzen Tag, vollkommen, in Frieden und ohne Sünde, lasst uns zum Herrn beten.“
Wenn wir ernsthaft und gläubig in der Kirche, zu Hause, unterwegs, bei der Arbeit – also jederzeit – beten, wie uns der heilige Apostel Paulus ermahnt: „Betet ohne Unterlass!“ (1. Thessalonicher 5,17), empfangen wir Frieden in unseren Seelen und alle uns nützlichen Bitten werden erhört. Doch dieser Frieden muss bewahrt werden, indem wir jeden Anlass zu Streit und Rache meiden. Der heilige Apostel Petrus ermahnt uns: „Seid nüchtern und wachsam! Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann.“ (1. Petrus 5,8)
Nichts ist dem Teufel so zuwider wie Frieden und Harmonie unter den Menschen. Denn wo Frieden und Harmonie herrschen, da ist Gott. Das Wort „Teufel“ kommt vom Griechischen „Diabolos“ und bedeutet „Zwietracht säen“, „Hass und Feindschaft stiften“. Der Teufel versucht uns immer wieder mit Streitigkeiten in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Gesellschaft, zwischen Nationen und Völkern, damit kein Frieden auf der Welt herrscht. Das Wirken des Teufels steht im Widerspruch zu Gott, der Frieden auf Erden und Wohlwollen unter den Menschen will (vgl. Lukas 2,14). Deshalb ermahnt uns der heilige Apostel Jakobus: „Widersteht dem Teufel!“ (Jakobus 4,7). Wir müssen gegen den Teufel und die Sünde ankämpfen, „bis aufs Blut“ (Hebräer 12,4), durch Gebet, Fasten, Selbstverleugnung und Demut, durch Geduld im Leiden und im Tun des Guten.
Besonders durch Demut überwinden wir die Fallen des Teufels und erlangen inneren Seelenfrieden. Deshalb fordert uns der Erlöser auf: „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (Matthäus 11,29) Doch jene Sanftmut und Demut, durch die wir dem Erlöser ähneln, sind nicht leicht zu erlangen. Wir müssen viel beten und mit uns selbst ringen, um den alten Menschen in unserer Seele zu überwinden und ein neuer Mensch zu werden – gut, sanftmütig und demütig wie Christus. Viele Laster und schlechte Neigungen lauern in unserer Seele und warten nur darauf, sich zu manifestieren. All diese schlechten Neigungen müssen gezähmt und in Tugenden, das heißt in gute Gewohnheiten, verwandelt werden.
Wir alle wünschen uns, dass sich die Menschen um uns herum verändern und gut werden. Doch die Verbesserung unseres Lebensumfeldes, vor allem in unserer eigenen Familie, beginnt bei mir, bei dir, bei jedem von uns. Wir können anderen keine Veränderung aufzwingen, wenn wir uns nicht selbst verändern. „Erlange den Seelenfrieden, und Tausende Menschen um dich herum werden erlöst!“, mahnt der heilige Seraphim von Sarow. Wir sollen auch wissen, dass uns nichts mehr zur Demut anleitet als die Beschwernisse des Lebens. Wenn du krank bist, in Not bist oder einen Feind hast, der dir schaden will, bleibt dir nichts anderes übrig, als inständig zu beten und Tag und Nacht zu Gott zu flehen, dass Er dir vergibt und dir hilft. Nöte und Leid werden von Gott zugelassen, damit wir demütig werden – besser, sanfter und demütiger. Deshalb nennen die Geistlichen Väter die Beschwernisse des Lebens „heiligen Kummer“, denn durch sie wenden wir uns wieder Gott zu, der uns inneren Frieden schenkt.
Ich schließe dieses pastorale Wort mit einem Zitat aus Psalm 34 (Verse 13-15): „Wer ist’s, der Leben begehrt und gerne gute Tage hätte? Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach!“
Nun lege ich Ihnen diese Lehren ans Herz und wünsche Ihnen, dass Sie die heiligen Feiertage der Auferstehung des Herrn in Frieden und Freude verbringen. Ich bete zu Jesus Christus, dem Erlöser, der den Tod besiegt hat, dass Er Euch den Mut und die Kraft gibt, alle Sünde und alles Böse in Eurem Leben zu überwinden!
Christus ist auferstanden!
† Metropolit Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa
[Übersetzung aus dem Rumänischen: Pfarrer Dr. Jürgen Henkel, Selb]
[1] Hinweis des Übersetzers: das griechische Χαίρετε aus Matthäus 28,9 bedeutet „Seid gegrüßt“ oder „Freut euch“. Die westlichen Übersetzungen (Luther-Bibel und katholische Einheitsübersetzung) übersetzen das Verb mit „Seid gegrüßt“, die ostkirchliche rumänische Bibelübersetzung mit „Freut euch!“









