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Beim Lesen von Vater Nicolae Steinhardt spürt man auf jeder Seite seine Freude, Christ zu sein; die Chance, die Ehre und den Segen gehabt zu haben, Herrn Jesus Christus begegnet zu sein, und zwar im selben erstrebenswerten Zustand, in dem der Erlöser der ganzen Menschheit diente: in Demut. Seine Taufe fand im Gefängnis, „aus madigem Wasser und schnellem Geist“ statt, wie der Vater in seinem berühmten Tagebuch der Freude schreibt.

Sein wunderbares Meisterwerk, vielleicht das beste rumänische Buch seit der Wende 1989 wird mittelfristig der deutschen Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bis dahin ist schon jetzt eine kleine Vorkost des Schaffens des geliebten Vaters verfügbar, die löffelweise an Sonn- und Feiertagen eingenommen werden kann: das Buch der Predigten Der Gebende erhält‘s. Anstelle einer Rezension bat ich den Übersetzer Călin Hoffmann um ein Interview über sein persönliches Treffen auf Vater Steinhardt beim Lesen und in geistlichen Themen, doch vor allem über die Schwierigkeiten und gleichzeitig die Freude, sein Werk ins Deutsche zu übersetzen.

I.P.: Es gibt zahlreiche Bücher über rumänische Theologie und Spiritualität, die nach dem Sturz des kommunistischen Regimes veröffentlicht wurden. Leider sind viele nur der rumänischen Öffentlichkeit bekannt. Wie kamen Sie auf Vater Nicolae Steinhardt?

C. H.: Vielleicht, weil er direkt mein Herz traf; ich erlag ihm vom ersten Kontakt mit seinen Schriften: dem Tagebuch der Freude, 1999. Er ist ein Schriftsteller, den ich regelmäßig (wieder)lese, dessen GLAUBE (so überwältigend, dass ich ihn mit Großbuchstaben schreiben muss) lawinenartig von seiner Gelehrsamkeit, seiner Bildung verstärkt wird. Und von seiner Menschlichkeit.

Vielleicht ist es angebracht, noch etwas zu gestehen. In einem schwierigen Moment meines Lebens traf ich auf den Heiligen Siluan von Athos. Er ließ mich im guten Sinne mit dem Kopf gegen die Wand rennen, um mir zur Wirklichkeit zurück zu helfen („Behalte deinen Geist in der Hölle und verzweifle nicht!“). Doch derjenige, der mich beruhigte und mich dazu brachte, das Licht am Ende des Tunnels zu erahnen, war Steinhardt – ich scheue mich nicht, ihn auch als einen Heiligen zu betrachten.

I.P.: Jeder Autor hat seine eigene Schreibweise und Vater Nicolae Steinhardt ist gewiss nicht nur ein einfacher Prediger unter vielen. Sein theologisches, literarisches und philosophisches Wissen macht ihn zu einer herausragenden Persönlichkeit. Sind Sie auf Schwierigkeiten bei der Übersetzung gestoßen? Falls ja, auf welche?

C. H.: Oh, ja, es war schwer, manchmal bin ich schier verzweifelt. Hier sind zwei Beispiele: Bei der Predigt zu Christi Himmelfahrt hat seine Ausdrucksweise mich derart vor den Kopf gestoßen, dass ich als blutiger Anfänger zwei Tage außer Gefecht gesetzt wurde. Auf Rumänisch: „Erhöhung der Metapher auf den Rang von Signifikantem mit dem Sinn von Signifikatem“. Nach einer Weile erkannte ich, dass es sich irgendwie um einen Pleonasmus handeln musste, der Sinn der Bedeutung, des Inhalts. Ich lächelte still: „Schemá Israel, Vater Steinhardt, hast Dir wohl keinen besseren Übersetzer leisten können?“ Schließlich das Ergebnis: „Erhöhung der Metapher zur sinnhaften (Sprach)Form.“

Das andere Beispiel kostete mich mehrere Tage. Dieses Mal war es ein theologisches Thema. Die Übersetzung neigte sich dem Ende zu. Die letzten drei Kapitel des Buches sind randvoll, überquellend vor Gnade und sind somit noch schwieriger zu übersetzen. Im Kapitel Zwei Anbetungen, die man nicht aufgeben sollte: Die Verherrlichung des Kreuzes und der Gottesmutter ging es um die Kenosis des Kreuzes. Hier hatte ich umfangreiche Unterhaltungen mit meinem geistlichen Vater. Heraus kam dann Folgendes: „Kenosis = Verzicht auf die Ausübung der göttlichen Eigenschaften. Da Jesus am Kreuz starb, gehört das Kreuz zu Gott; man kann also nach der orthodoxen Dogmatik das Kreuz als vergöttlicht, theophor betrachten. Ähnlich ist die Anbetung der Heiligen Gottesmutter zu verstehen: Weil sie Gott umfasste, wurde die Jungfrau ebenfalls vergöttlicht, verherrlicht.“

Ich hatte das Bedürfnis, diesen Hintergrund deutschen (auch orthodoxen) Lesern in der einzigen umfangreichen Fußnote zu erklären, auch wenn es eine Nummer zu groß für mich ist. Ich hatte auch das Gefühl, dass Manches unbeschreiblich ist oder sich bestenfalls nicht klar ausdrücken lässt...

I.P.: Bitte erzählen Sie etwas über Ihre Berufsausbildung und wie Gott Sie dazu brachte, die deutsche Öffentlichkeit auf ein solch geniales Werk aufmerksam zu machen.

C H.: Da haben Sie den Finger in die Wunde gelegt. Sie wissen, dass ich von Beruf IT-ler bin. Weder Theologe, noch Linguist. Zur Übersetzung kam ich so: In der Fastenzeit vor Ostern letztes Jahr, 2019, gab mir der Herr die „gute Idee“, Steinhardt wieder zu lesen. Der Gebende erhält’s war an der Reihe (ich lese es im Wechsel mit dem Tagebuch der Freude). Von Anfang an keimte in mir die Idee, es dem deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen. Im Sommer 2019 war ich entschlossen, mich um die Übersetzung und Veröffentlichung zu kümmern, aber in einer koordinierenden Rolle. Ich hatte mir vorgestellt, einige Enthusiasten zu finden und etwas Geld  zu investieren. Enthusiasten fand ich, doch keine Übersetzer. Ich schrieb eine Menge E-Mails. Es kamen wenige, dafür ermutigende Antworten. Mir wurde klar, dass die Übersetzung das Eine ist, die organisatorische Seite (rechtlicher Rahmen: Urheberrecht, Verlag, Verträge) das Andere. Letzteres war nicht wirklich ein Problem, folglich blieb „nur“ noch die Übersetzung.

Beim Kirchweihfest der rumänischen orthodoxen Pfarrei in Erlangen, St. Peter und Paul, als wir beim traditionellen Festessen über die Übersetzung sprachen, sah Pfarrer Kyrill, mein geistlicher Vater, mir plötzlich in die Augen und fragte: „Warum übersetzt du es nicht selbst?“

So verfügte der Herr, dass das Anfangsdatum der Übersetzung die Feier der Heiligen Aposteln Petrus und Paulus wurde.

Ich möchte noch etwas erzählen. Zu Beginn der Übersetzung war ich irgendwie verärgert: Wieso muss ich als Ingenieur die Arbeit von Theologen und Linguisten erledigen?! Schlafen die denn alle?! Gegen Ende begann ich das Ganze als Mysterium zu betrachten: Nicht sie schliefen, sondern ich. Vielleicht hat Gott auf mich gewartet, dass ich aufwache und endlich mit der Übersetzung anfange. Vielleicht bestand Er geduldig darauf, mir dieses wundervolle Geschenk zu machen, das ich, blind und töricht, nicht wollte...

I.P.: Reden wir über die Planung. Hat die Übersetzung lange gedauert? Was bedeutet Ihnen die Übersetzungsarbeit?

C.H.: Ich habe ein Jahr vorgesehen, beginnend mit St. Peter und Paul, dem 29. Juni 2019. Der Herr gab, dass ich Karfreitag, am 17. April 2020 fertig wurde. Im Neuen Jahr verdoppelte sich meine Leistung. Ich zog die tägliche Übersetzung der unregelmäßigen vor.

Die gesamte Zeit der Übersetzung war von intensiver geistlicher und intellektueller Aktivität geprägt. Es war wie im Himmel! Ich wachte mit Steinhardt morgens auf, legte mich mit ihm in Gedanken abends schlafen.  In der Zwischenzeit habe ich auch gearbeitet, doch vor allem gesungen (in 5 Chören, allesamt kirchlich: 2 orthodoxe, 2 lutherische, 1 katholischer). Himmel auf Erden!

I.P.: Ich stelle fest, dass Sie kein Nachwort oder Vorwort schrieben, auch kein Geleitwort des Übersetzers. Sahen Sie dafür keine Notwendigkeit? Oder verhielten Sie Sich „demütig“?

C.H.: Hier haben Sie einen anderen wunden Punkt berührt. Für mich lautet die Frage: Wie kann ich es als Laie und Anfänger wagen, mich einem Titanen wie Steinhardt zu nähern?! Die Antwort: eine Mischung aus Vorsehung und der Antwort auf die erste Frage, der Tatsache, dass es mir am Herzen liegt. Ich versuche, (mich) zu erklären. In der Orthodoxie gibt es meines Wissens zwei Strömungen: eine strenge und, ihr entgegengesetzt, die liberale. Ich habe das Gefühl, Steinhardt in der zweiten getroffen zu haben, die ich auch bevorzuge.

Gestatten Sie mir, als Bestätigung Steinhardt noch einmal zu zitieren, diesmal aus 365 Antworten des Mönchs von Rohia.  Hier ist jene auf die Frage 311:

„Die 4 christlichen Hauptgebote:

  • glücklich sein;
  • Gott grenzenlos, andauernd und von Angesicht zu Angesicht lieben können;
  • sich selbst so wiederfinden, wie man entworfen wurde, ohne das anschließende Eingreifen der Sündhaftigkeit;
  • das dem Menschen eigenste Merkmal erleben (wie Unamuno bemerkt): die Sehnsucht nach Ewigkeit.“

I.P.: Erzählen Sie mir bitte etwas über den Verlag.

C. H.: Zum Verlag (Edition Hagia Sophia, einziger deutschsprachiger orthodoxer Verlag in Deutschland) kam ich über einen zur Orthodoxie konvertierten Deutschen; ein Glaubensbruder, der mir sehr nahe ist. Der Herausgeber hatte von Steinhardt durch andere rumänische Autoren gehört, die er veröffentlicht hatte (die Väter Savatie Baștovoi, George Remete, Emil Jurcan). Seine erste Reaktion, als ich ihn kontaktierte, war eine der Freude. Er sagte: "Ich wollte Steinhardt schon lange veröffentlichen!"

I.P.: Wie lauten Ihre Zukunftspläne als Übersetzer?

C.H.: Tatsächlich verfügte der Herr, dass ich mit Der Gebende erhält’s als eine Art Aufwärmung für Steinhardts Meisterwerk – Das Tagebuch der Freude – anfing. Nach meinem Wissen lag es ihm sehr am Herzen, es ist sozusagen sein literarisches Testament. Das verstand ich erst, als ich mit dem ersten Viertel der Übersetzung des Tagebuchs fertig wurde. Auch das erste Buch war schwer, aber dieses übertrifft es!

Des Weiteren gibt es noch zwei „Bestellungen“, die mich zutiefst ehren: Erstens, die Übersetzung des Akathistos (Lobeshymne) der Heiligen Paraschevi für die unter ihrem Schutz stehende rumänische Gemeinde in Bamberg. Zweitens, das Band Surprised by Christ,das von einem ebenfalls zur Orthodoxie konvertierten Juden stammt, dem Amerikaner James A. Bernstein. Der Titel steht bereits: Erwischt von Christ.

Abschließend erlauben Sie mir bitte noch ein Zitat über Steinhardt:

„Ich lernte Nicu Steinhardt über die Familien Șora und Toma kennen: Er war eine richtige Entdeckung schon an diesem ersten Abend im Restaurant des Hauses der Wissenschaftler. Die große Güte des kürzlich Bekehrten verströmte eine Aura von Heiligkeit. (Ich wollte ihn fast mit dem großen Bildhauer Gheorghe Anghel vergleichen, (…) einem zutiefst ruhigen, außerordentlich sicheren, stillen und weisen Mann.) Diese Heiligkeit war verbunden mit einer schelmischen Intelligenz, einer steten Freude und mit der Fähigkeit, schnell und direkt zum Kern, d.h. zu intellektuellen Essenzen zu gelangen. (Letztere Eigenschaft stellte ich auch bei Noica, Eliade, Papu fest.) Das Vergnügen an Literatur und Ideen war spontan, zügellos, tänzelnd, explosiv. Erst in den letzten zehn Jahren seines Lebens gelang es ihm, diese zwei Seiten in seinem Werk zu vereinen und einer der wichtigsten religiösen Schriftsteller Rumäniens zu werden. Soweit erkennbar, zog mich auch seine politische Philosophie an: irgendwo zwischen kosmopolitischem Liberalismus und existenzialistisch-individualistischen rechten Optionen, wie ich sie auch mochte.“ (Virgil Nemoianu, Innerer Archipel)

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Das Buch „Der Gebende erhält's" kann direkt beim Hagia Sophia Verlag bezogen werden.
Hierom. Ioan Dumitru Popoiu veröffentlichte das Interview mit dem Übersetzer, Hr. Călin Hoffmann, ursprünglich mit dem Titel „Vater Steinhardt - jetzt auf Deutsch erhältlich” auf dem rumänisch-orthodoxen Nachrichtenportal „Doxologia” in Jassy.

 

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