Neuerscheinung auf Deutsch: Neues Testament, die Psalmen und die biblischen Oden der Orthodoxie

Das Neue Testament, die Psalmen und die biblischen Oden der Orthodoxie, Übertragen und neubearbeitet u. a. von Metropolit Mark (Arndt), Bischof Hiob (Bandmann) und S’chi-Archimandrit Justin (Rauer), Edition Hagia Sophia, 2026, 800 Seiten, 30 Euro.

Rezension von Pfr. Julian Dettling, München

Mit der vorliegenden Neuerscheinung liegt die erste orthodoxe Gesamtübersetzung des Neuen Testamentes auf Deutsch vor. „Das Neue Testament, die Psalmen und die Biblischen Oden der Orthodoxie“ erschien im Verkündigungs-Verlag des Stavropegial-Klosters Verkündigungs-St. Justin-Einsiedelei in Unterufhausen bei Fulda. Die Auslieferung begann im Mai 2026. Zu den Übersetzern und Bearbeitern zählen: Metropolit Mark (Arndt), Bischof Hiob (Bandmann), S’chi-Archimandrit Justin (Rauer), Erzpriester Nikolai Artemoff und Erzpriester Martinos Petzold, Priestermönch Nil (Lazarenco) und Johannes Klimmeck. Der Bezug dieser langerwarteten Ausgabe ist möglich über den Verlag Edition Hagia Sophia. Mit dem Kauf wird das Stavropegial-Kloster Verkündigungs-St. Justin Einsiedelei unterstützt, das 2011 mit dem Segen von Vater Abt S’chi-Archimandrit Basilius (Grolimund) durch S’chi-Archimandrit Justin (Rauer) gegründet wurde und sich v. a. dem Gebet, Fasten, Gottesdienst, Schriftlesung und körperlichen Arbeit sowie der Gastfreundschaft in Form der Betreuung von Pilgern widmet.
Äußeres. Das handliche Taschen-Format (95 x 135 mm) ist gut gewählt und eignet sich zur Mitnahme. Die tief rote Farbe mit goldener Prägung wirkt andächtig und wertig, so auch der genähte Bucheinband, der sowohl von einer langlebigen Verarbeitung zeugt als auch dafür sorgt, dass die Seiten problemlos geöffnet bleiben. Das Papier ist nicht zu dünn und fühlt sich ausreichend stark an. Die vier Lesebändchen sind sinnvoll. Die relativ kleine Schriftgröße ist in Kombination mit der Handlichkeit durchaus optimal gewählt. Die Leseordnung der Kathismen des Psalters ist enthalten.
Kontext. Die vorliegende Neuübersetzung reiht sich ein in die bereits erschienen deutsch-orthodoxen Übersetzungen des Buchhäger Psalters, des Münchener Psalters aus dem Kloster des heiligen Hiob von Pocaev sowie der bereits vergriffenen Ausgabe des Byzantinischen Textes Deutsch der Schweizerischen Bibelgesellschaft (die vier Evangelien). Ein Novum ist jedoch, dass nun auch eine orthodoxe Übersetzung der Briefe vorliegt und das Neue Testament, die Psalmen und die Biblischen Oden in einem Band vereint sind. Zumal deutschsprachige Leser dafür bisher auf mehrere Werke zurückgreifen mussten. Insofern ersetzt sie mindestens zwei Bücher auf dem Nachtkästchen.
Praktikabilität. Der hilfreiche Band passt buchstäblich in die Hosentasche und wird so zum steten Wegbegleiter – ebenso dank des flexiblen Einbandes, der sich griffig anfühlt und gut in der Hand liegt. Aus diesen Gründen wird das von S.E. Erzbischof und Metropolit Serafim empfohlene tägliche Lesen zweier Kapitel aus dem Neuen Testament sowie mindestens einiger Psalmen gerade in Kunstpausen oder während Fahrten mit der U-Bahn bspw. für gestresste Familienväter und Mütter enorm erleichtert.
Theologischer Kern. Die vorliegende Übersetzung stammt aus dem griechischen Text des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel (1904/1912) und positioniert sich dadurch nahe am Urtext und der liturgischen Tradition. Die sprachliche Treue entspricht der orthodoxen Spiritualität und Theologie. Ebenso wird ein authentischer, historischer Zugang zu den Heiligen Schriften bewahrt, das tiefgründigere Einblicke ermöglicht. Somit wird der unveränderte Texte der Alten Kirche erstmalig deutschsprachigen Lesern zugänglich gemacht.
Byzantinischer Text. Auch Mehrheitstext genannt, gilt er im Vergleich zu modernen kritischen Standardausgaben als vollständiger und offenbart theologische Details, die in anderen Bibelübersetzungen lediglich in Fußnoten angemerkt werden. Ein prominentes Beispiel stellt Mt 9,13 dar. Im vorliegenden Werk lautet der Vers: „Gehet aber hin und lernet, was es bedeutet: Erbarmen will ich und nicht Opfer. Denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zum Umgeisten zu rufen, sondern Sünder [eis metanoian].“ Dahingegen lautet der Vers in der Einheitsübersetzung: „Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ Der Knackpunkt liegt in der Verwendung der spezifischen deutschen Wortschöpfung „Umgeisten“ für den Begriff Metanoia dieser neuen Ausgabe. Durch diese Wortwahl von Vater Abt Justin kommt der Tiefsinn dieses griechischen, für die orthodoxe Spiritualität höchst wichtigen Begriffes, der tiefer geht als Reue oder Buße, zum Tragen.
Anregungen. Eine Wunschliste für eine Neuauflage könnte beinhalten: ein zweifarbiger Druck mit Rubriken, mehrfarbige Seiten mit Abbildungen von Ikonen, seelisch erbauende Prachtbildchen vor einem Kathisma und durchgehende Kopfzeilen mit der Angabe des Buches und Kapitels, um ein schnelleres Nachschlagen zu erleichtern. Der besonders eifrige Psalmenbeter könnte sich darüber hinaus noch die Anfangsgebete vor den Psalmen einschließlich der Schlussgebete nach einem Kathisma wünschen. Eine zukünftige Neuauflage könnte auch die Sprüche Salomos inkludieren.
Ausblick. Freudig zu erwarten bleiben kommende Prachtausgaben für den liturgischen oder privaten Gebrauch, wie ein großformatiger Psalter, sowie ein Apostolos und Evangelium zur feierlichen Lesung in der Göttlichen Liturgie. Ebenfalls wären kommentierte Ausgaben mit den Aussprüchen der heiligen Väter, wie eine Orthodoxe Studienbibel, in einem mittleren Format möglich.
Fazit. Diese Neuerscheinung bietet erstmal eine Übersetzung des Neuen Testamentes, der Psalmen und Biblischen Oden auf Grundlage des griechischen Patriarchatstextes in deutscher Sprache. Vornehmlich für die geistliche Lesung eignet sich der Band wegen der sprachlichen Treue zum Urtext und der Einbindung der liturgischen Tradition. Dies macht das Werk zu einer wertvollen Bereicherung – auch für das persönliche Lesen der Heiligen Schriften zu Hause oder unterwegs. Gerade aufgrund des kompakten Formates kann diese langersehnte Neuerscheinung ein seelisch erbauender Begleiter sein, auf dem schmalen Pilgerpfad des irdischen Lebens gen himmlische Kirche.